DIE ZEIT

Super-Sumpf

Richard Nixon, der ein Friedenspräsident sein wollte und ein Skandal Präsident wurde, verstrickt sich, verzweifelt kämpfend, immer mehr in das immer dichter werdende Netz der Anklagen.

Bonner Amateure?

Präsident Nixon hat einen enttäuschten Brief an Bundeskanzler Brandt geschrieben, das State Department sagte kurzfristig die Reise seiner beiden Europaexperten Sonnenfeld und Hartmann nach Bonn ab, und Henry Kissinger läßt seinem Unmut freien Lauf.

Ziel verfehlt

Politische Extremisten, die zum Zweck der Unterwanderung in den Staatsdienst drängen, werden es voraussichtlich bald besser haben als ihre allein durch Unfähigkeit oder falsches Parteibuch disqualifizierten Mitbewerber.

Des Kanzlers Donnerwetter

An Patentrezepten für den Bundeskanzler mangelt es nicht. Die Pläne zur Entlastung Brandts im Kabinett und in der Parteiarbeit, die Dohnanyi und von Oertzen vorgetragen haben, und auch das öffentliche Nachdenken Helmut Schmidts über ein gründliches und rechtzeitiges Kabinetts-Revirement – all diese Ratschläge gehen von der Prämisse aus, es müsse jetzt nach der Hamburger Wahl endlich etwas geschehen, damit die Talfahrt der SPD gestoppt werde.

Nach den Visionen: die Kärrnerarbeit

Jn seiner Sylvesterrede hatte sich Willy Brandt gewünscht, „daß der große Schwung erneuert werden sollte, mit dem die Bundesregierung vor vier Jahren ihre Politik der Versöhnung auch mit den Völkern und Staaten Osteuropas begonnen hat“.

Keine Abtreibung auf dem Bildschirm?

Das hatte sich Martin Neuffer nicht träumen lassen. Noch war der neugewählte Intendant des Norddeutschen Rundfunks keinen vollen Tag im Amt, da hing ihm schon ein Skandal am Hals.

Zeitspiegel

Die türkische Regierung hat das Anbauverbot für Mohn wieder aufgehoben – angeblich, um die Pflanzungen zu retten, die ohne Ernte verrotten; in Wirklichkeit, weil Ankara mit der von den Vereinigten Staaten angebotenen Entschädigung nicht zufrieden ist.

Wilsons Regierungsprogramm: Der Herr der roten Zahlen

Wer Urlaub in Wales macht und an einem Sommersonntagsmorgen zu unbritisch früher Wanderszeit eines der Aussichtsplateaus erklimmt, der kann dort einen Trupp treffen, dessen Mittelpunkt ein weißmähniger Mann mit Stock und Hund ist.

Worte der Woche

„Wenn man sich einen Mann zum Parteivorsitzenden und Bundeskanzler wählt, dessen Toleranz man als Qualität zu erkennen glaubte, kann man nicht erwarten, daß er letztlich wie Adenauer regiert.

Verlorene Schlacht ums Tempo-Limit

Bundesverkehrsminister Lauritz Lauritzen weiß jetzt, was er nach Ansicht seines bayerischen Kollegen Anton Jaumann „schon lange“ hätte wissen müssen: Änderungen der Straßenverkehrsordnung, zum Beispiel eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung, bedürfen der Zustimmung des Bundesrates.

Konflikt mit der Kirche

Den Entrüstungssturm nach der Hinrichtung des Studenten und Anarchisten Puig Antich hat die spanische Regierung unbeschadet und ungerührt überstanden; bei dem Versuch, ähnlich rigoros mit dem Bischof von Bilbao, Antonio Anoveros, zu verfahren, hat sie Federn lassen müssen.

Der stille Wegbereiter

Zu seinem Tode erst kann es deutlich ausgesprochen werden: Boleslaw Kominek, der erste polnische Kardinal von Wroclaw, dem alten Breslau, faßte schon im Herbst 1965, fünf Jahre vor dem deutsch-polnischen Vertrag, in der römischen Konzilsaula den Entschluß, den Teufelskreis von Feindschaft zu durchbrechen.

Jusos stoppen den Spartakus

Die Jungsozialisten-Hochschulgruppen sind Antikommunisten und Antisowjetisten, mithin Agenten des CIA, weil sie nicht bereit sind, die großartige und beispiellose Rolle der UdSSR im Kampf für den Frieden anzuerkennen und statt dessen die Mitarbeit in einem ominösen Komitee gegen Repression in der ČSSR und Osteuropa empfehlen!“ Diese markigen Worte eines Redners des „Marxistischen Studentenbundes (MSB) Spartakus“ charakterisierten den Stil der Auseinandersetzungen bei der diesjährigen Mitgliederversammlung des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS) in der Bonner Universitätsmensa.

Deutschlands Denkfabrik am Ende?

Das Ende einer der großen deutschen Denkfabriken steht bevor. Der Heidelberger „Studiengruppe für Systemforschung“ droht die Auflösung – und das, obwohl Bundesforschungsminister Ehmke eben noch – und mit Recht – gefordert hatte: „Wir benötigen dringend eine gesellschaftliche Prognosekapazität.

Allianz ohne Vertrauen

Eigentlich hätte Präsident Pompidous Zwei-Tage-Ausflug ans Schwarze Meer etwas feierlicher ausfallen müssen. Denn vor genau fünfzig Jahren wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und der UdSSR aufgenommen, und vor zehn Jahren besiegelten Moskau und Paris ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Unter Dach und Fach

Staatssekretär Gaus, dem bei seinen Verhandlungen mit dem stellvertretenden DDR-Außenminister Nier akribische Sorgfalt bescheinigt wird, hat in das Gebäude des deutschdeutschen Verhältnisses einen Balken einziehen können, den selbst Skeptiker für politisch und juristisch bruchfest halten.

Bibel in der Linken

Als „Politisches Nachtgebet“ hatten sie jahrelang in Köln mit provozierenden Thesen versucht, Christen aller Konfessionen gegen Mißstände aufzubringen, sie hatten den Zorn konservativer Kirchenvertreter auf sich gelenkt und waren schließlich im letzten Jahr auseinandergegangen.

Alimente aus dem anderen Deutschland

Ein Kreisgericht im DDR-Bezirk Neubrandenburg hat eines der Haupthindernisse für ein Abkommen über den nichtkommerziellen Zahlungsverkehr zwischen Ostberlin und Bonn aus dem Wege geräumt.

Gegen die versöhnliche Mitte

Rudolf Schöfberger, vor zwei Jahren als „roter Rudi“ an die Spitze der Münchner Sozialdemokraten gewählt und inzwischen in der Mühle der Bonner Bundestagsfraktion weitgehend auf Angleichung getrimmt, nimmt in der weißblauen Heimat den Gegner aufs Korn: „Ich glaube nicht“, so verkündete er mit sonorem Baß, „daß der Weg richtig ist, den der Landesvorsitzende Dr.

Vormarsch der Parteien

Vertrauen“ und „Vernunft“ – diese Schlagworte bestimmen den Kommunalwahlkampf 1974 in Rheinland-Pfalz. Die SPD wirbt um „Vertrauen“ die CDU verspricht „Tatkraft und Vertrauen“, die FDP will „Vernunft von Bonn bis ins Rathaus“ durchsetzen.

Anatomie des Mitläufers

Am Ende seines Besuchs in Moskau schrieb George Bernard Shaw in das Gästebuch des Hotels „Metropole“: „Morgen verlasse ich dieses Land der Hoffnung und kehre zurück in die westlichen Länder der Verzweiflung.

Der scheinbar nervenlose Kanzler

Ich freue mich über alle, die Menschen zu Gott führen“, sagte Konrad Adenauer im Sommer 1963, während er Billy Graham zur Tür begleitete, der ihm gerade von seinen „Kreuzzügen“ berichtet hatte, „aber nehmen Sie mir bitte eine Bemerkung nicht übel: wenn ich sehe, wie sicher Sie im Glauben sind, bin ich froh, daß ich katholisch bin.

Arbeiter auf Montage

Dieter Voigt: „Montagearbeiter in der DDR. Eine empirische Untersuchung über Industrie-Bauarbeiter in den volkseigenen Großbetrieben“; Soziologische Texte, Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1973; 266 S.

Verfeindete Glaubensbrüder am Golf

Die Iraker sagen „Arabischer Golf“, nicht „Persischer Golf“. Schon die Bezeichnung zeigt die Gegnerschaft: ein geographischer Anspruch, und sei er nur nominell, wird dem Nachbarn streitig gemacht.

„Der Krieg ist verloren“

Das portugiesische Militär ist zu Wochenbeginn in Alarmbereitschaft versetzt worden. In Lissabon hieß es, man wolle damit der Unruhe entgegenwirken, die sich an der – gerüchteweise bekannt gewordenen – Maßregelung des stellvertretenden Generalstabschefs Antonio de Spinola entzündet hatte.

Wilson will neu verhandeln

„Grundlegende Neuverhandlungen über die britische Mitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft fordert die Labour-Regierung unter Premierminister Wilson.

Brandt fordert Disziplin

Der SPD-Vorsitzende Willy Brandt hat am Dienstag vor der Fraktion seiner Partei im Bundestag mehr Disziplin und Geschlossenheit in den eigenen Reihen gefordert und sich kritisch mit der Diskussion um seine angeblich notwendige „Entlastung“ auseinandergesetzt.

Howeida-Besuch: Mehr persisches Öl

Mit deutscher Hilfe entsteht eine Ölraffinerie am Persischen Golf, deren Produkte zum größten Teil in die Bundesrepublik exportiert werden sollen.

Israel: Neue Regierung

Mit 62 gegen 49 Stimmen bei zwei Enthaltungen erhielt Golda Meïr am Sonntag das Vertrauen der Knesseth für ihre neue Regierung.

Einigung Bonn-Ostberlin

Es besteht Aussicht, daß die „Ständigen Vertretungen“ der Bundesrepublik und der DDR Anfang Mai ihre Arbeit aufnehmen. Dies ist das Ergebnis von Verhandlungen und Gesprächen, die in der vergangenen Woche auf zwei Ebenen und über verschiedene Sachgebiete geführt wurden: durch die Unterhändler Gaus und Nier in Ostberlin und durch Bundesminister Bahr in Moskau.

Belgien: Kein klarer Sieger

Die belgischen Parlamentswahlen haben die politischen Gewichte nur unwesentlich verschoben: wieder erhielt keine Partei eine tragfähige Mehrheit.

Radikale: Treue hat Vorrang

Die Zugehörigkeit eines Staatsdienst-Bewerbers zu einer extremistischen, aber nicht verbotenen Partei soll für sich allein noch keine Ablehnung begründen; vielmehr muß jeder Fall individuell geprüft werden.

Dokumente der ZEIT – „In Äthiopien viel zu tun“

„Als der neue äthiopische Ministerpräsident am 28. Februar die Macht übernahm, teilte er mit, er werde Mitglieder seines Kabinetts auswählen, die drei grundlegende Eigenschaften erfüllen: Jugendlichkeit, Begabung und Erfahrung .

Bundesrat: Gegen Tempo 130

Die Bundesregierung scheiterte am vorigen Freitag in der Länderkammer mit ihrem Vorschlag, auf den Autobahnen eine Höchstgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern einzuführen.

Die Maßnahmen gegen „Aspekte“ und „Panorama“ und die Frage nach der: Zensur

Journalisten, vor allem die in den Rundfunkanstalten, sind vorlaute und unzuverlässige Leute. Gäbe es nicht ordnungsliebende Intendanten und verantwortungsbewußte Instanzen außerhalb der journalistischen Institutionen, die den allzu flotten Redakteuren ab und zu auf die Finger klopfen und mutig in das Programm hineinregieren, so wäre es schlecht um unsere Information bestellt.

Zeitmosaik

Der Mensch ist ein Wesen, das sich wesentlich geistig ernährt, von spirituellen Gütern ernährt. Damit diese Ernährung nun auch wirklich klappt, möchte ich das kulturelle Leben so organisiert wissen, daß es Ähnlichkeit hat mit einem Wirtschaftsleben, in dem das Prinzip des freien Unternehmertums gefordert wird.

Zwang zur Kurzweil

Bei Nachrichtensendungen wird der Inbegriff der Scheininformation dort erreicht, wo zum abertausendstenmal ein eleganter Herr mit Aktenkoffer einem Auto der Luxusklasse entsteigt und in einem Portal verschwindet: das nichtssagende Bildkürzel für jede beliebige Konferenz.

Leipzig locker

Szene vorab: Da war eine Parklücke auf einem jener streng verwalteten Areale in der Leipziger Innenstadt, die während der Messe mit viel karossiertem Autoblech vollstehen, aber ob es eine wirkliche Lücke war, schien strittig.

Die neue Schallplatte

Von seinen Anfängen als Rhythm & Blues-Sänger bis hin zu den spirituellen, manchmal in stackatohaftem Sprechgesang vorgetragenen Balladen dokumentieren die Live-Aufnahmen dieses Doppelalbums die gesamten künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten des irischen Sängers Van Morrison.

Plastikmusik, glatt und grell

Auch James Last kommt ohne die Erfolge anderer nicht aus. Er verbraucht Deodatos Jazz-Spielerei über Straußens Zarathustra, er bekommt einen Bravoruf für sein Beethoven-Fondant, die F-Dur-Romanze, und wenn er seinen Chor bemüht, greift er nach Bette Middlers Sound und verschmäht es auch nicht, auf die Klang- und Lichtmanieren von Les Humphries’ Singers zu schielen.

Zu Hause studieren

Dies ist die erfreulichste bildungspolitische Nachricht der letzten Zeit: Das Land Nordrhein-Westfalen errichtet in der Stadt Hagen eine als Gesamthochschule konzipierte Fernuniversität.

Filmtips

„Leuchte, mein Stern, leuchte“ von Alexander Mitta. Ein anpassungsfähiger Kinovorführer, ein schweigsamer Bauernmaler und ein von der neuen Kunst träumender Theaterbesessener in einem südrussischen Städtchen während der Revolutionszeit: Mitta beschwört die revolutionäre Kunst als Aufbruch des Menschen zu sich selbst.

Vorbei, die Eimsbütteler Tage

Als ich zur Schule ging, war alles ganz einfach: Das Identifikationsobjekt hieß TV Eimsbüttel; die Heroen, zu denen ich aufsah, waren Gemüsehändler (Nationalspieler Hans Rohde, ein- und ausgehend im elterlichen Geschäft), Eisverkäufer (Herbert Panse, Nationalspieler auch er, beim Füllen der Tüten: Sonntag geht der HSV baden), Lehrer (wie Otto Lüdeke, der die Ehre hatte, in einer sogenannten Akademiker-Mannschaft spielen zu dürfen – einmal sogar gegen den eigenen Verein: Das ist doch Otto, sagte Schindowski zu Kleikamp, als der, irritiert durch den fremden Dreß, seinen Freund und Nebenspieler in die Zange nahm) Angestellte (Rohwedder, ebenso schußgewaltig wie launisch, mit der Aktentasche unter dem Arm), Mechaniker, Maurer und Dreher.

Kunstkalender

Wie offizielle Freundschaftsveranstaltungen zu bilanzieren sind, wissen die Initiatoren ziemlich genau, das Vergnügen, Unerwartetes erleben zu können, bleibt dem teilnehmenden Publikum.

Grazie ohne Ziererei

Immer wieder geben Gutachter bekannt, daß man so nicht mehr schreiben könne: nicht mehr wie Fontane, nicht mehr wie Tucholsky.

Kindheit eines Mörders

Viele geniale Pioniere der skandinavischen Literatur sind proletarischer Herkunft. Um nur einige Namen zu nennen: die „Sumpfpflanze“ H.

Puntila aus Portugal

Portugal gehört zu den Ländern, deren Sonnenstrände uns davon dispensieren, uns um Weiteres zu kümmern. Eine beständige Sonne und eine ausdauernde Diktatur – so glauben wir zu wissen – produzieren so viel Lethargie, daß uns aus Portugal nichts Gutes, nichts Bemerkenswertes kommen kann.

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