ARD, Montag, 11. März: „Panorama“

Die Bühne blieb leer, die Darsteller traten nicht auf. Julius Kardinal Döpfner, so schien es, hatte den Moderator Merseburger von der Szene gefegt. Ein Triumph der Kirche über die verhaßten Akteure, ein Triumph der Orthodoxie geistlicher und weltlicher Richtung!

Der Betrachter am Bildschirm sah sich ins 18. Jahrhundert, in Lessings Zeit, zurückversetzt: Johann Melchior Goeze, der Papst Hammoniens, sprühte Feuer und Blitze; das Theater am Gänsemarkt, dem einst der Haß des rabiaten Gottesmanns galt, hatte sich in das Funkhaus an der Rothenbaumchaussee verwandelt. Döpfner in Goezes Gewand, Geist von seinem Geist, Zorn von seinem Zorn ... Alles sehr viel kleiner, ohne die barocke Geste und Sprachgewalt des hanseatischen Hauptpastors, doch erschreckend genug, immerhin, um einen Anwalt der Aufklärung zum Duell zu bewegen.

Armer Lessing. Die Goezes reden laut und selbstbewußt wie vor 200 Jahren und identifizieren ihr eigenes sittliches Empfinden mit dem sittlichen Empfinden der Mehrheit in diesem Land – doch kein Lessing-Erbe wagt es, dem auferstandenen Hauptpastor aus der Schar der Christdemokraten Paroli zu bieten.

Welch eine Chance für Peter Merseburger, dem Zuschauer mit Hilfe eines großen, von Zorn und Leidenschaft erfüllten Kommentars in einem Akt des Lautdenkens Rechenschaft abzulegen: Warum haben wir eine Abtreibung gefilmt? Welche Motive leiteten uns? Welche Bedenken wurden beiseite geschoben? Hätte es nicht genügt, in einem Gespräch mit Ärzten und Frauen die Problematik des Paragraphen 218 offenzulegen? Nein? Ein Gespräch mit Vertretern jener 329 Ärzte, die sich eines ehrenhaften Verstoßes gegen den Paragraphen bezichtigten – wäre das nicht ausreichend gewesen? Hätte eine Darlegung der Absaugmethode, in der richtigen Form geboten: beschreibend und sachlich, aufklärerisch und unsensationell, nicht wirkungsvoller sein können als eine spektakuläre Demonstration? Aber war sie überhaupt geplant, diese Demonstration? Und wie?

Welch eine Chance für Merseburger, in offener Feldschlacht – Schwächen nicht vertuschend, die Problematik offenlegend, Verschleierung meidend – die eigene Position Schritt für Schritt zu verdeutlichen und die gegnerische zu widerlegen: die unheilige Allianz zwischen dem Hause Springer und dem erzbischöflichen Hauptpastorat. In Lessings Stil, den Anti-Goeze vor Augen!

Und was tat man? Man schmollte. Spielte den Beleidigten. Sagte noch nicht einmal, was denn eigentlich gezeigt werden sollte in dem verbotenen Film; referierte noch nicht einmal die Argumente dafür und dagegen; Überließ „Bild“ den Triumph: Kardinal stoppt Fernsehsendung.