Von Klaus-Joachim Schneider

Noch im vergangenen Jahr zählte die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Frankfurt/Main (ZAV) auf einen juristisch ausgebildeten Bewerber zwei bis drei Stellenangebote. Diese günstige Situation scheint aber nur eine Art „Zwischenhoch“ gewesen zu sein. Denn nach der „Durststrecke“ für Juristen in den Jahren 1967–1969 und nach den „fetten Jahren“ von 1971–1973 ist die Arbeitsmarktlage für junge Assessoren jetzt nicht mehr so günstig. Vor allem die Wirtschaft nimmt bei der Einstellung von Juristen eine abwartende Haltung ein.

Damit wird wieder deutlich, daß die Berufschancen für Juristen wesentlich von der Konjunkturlage abhängen. Es scheint zur Zeit so, daß sich die Drosselung des Wirtschaftstempos erneut auf das Stellenangebot für Juristen in recht deutlicher Weise auswirkt. Dies gilt vor allem für ältere Bewerber, deren Stellenchancen schon während der günstigen Jahre nicht allzu groß waren. Mancher Anwalt, der mit seiner Praxis nicht mehr reüssiert und der nun nach einer festen Anstellung sucht, bemüht sich umsonst. Das einzige, was ihm das Arbeitsamt vermitteln kann, ist die Erkenntnis, daß man ein „älterer“ (also fast chancenloser) Bewerber schon mit etwa 45 Jahren ist.

Für die Zeit von 1975 an haben die Auguren ohnehin schon gewaltige Heere arbeitsloser junger Assessoren prophezeit, als Folge einer Überkapazität an den Hochschulen und von Stelleneinsparungen vor allem in Justiz und Verwaltung. Und es drängt sich die Frage auf: Muß die Mehrzahl der Jung-Juristen, die bereits Ende der sechziger Jahre das Studium aufgenommen haben, damit rechnen, die Assessorenzeit im wesentlichen im Vermittlungsbüro des Arbeitsamtes zuzubringen?

Mildernd kann hier gesagt werden: Die Wirklichkeit hat die bisher publizierten statistischen Erwartungen korrigiert.

1971 warnte insbesondere der Deutsche Anwaltsverein (DAV) vor einer Überzahl an Jurastudenten – eine Warnung, die nach den damals vorliegenden Zahlen plausibel schien. Jetzt kommt gerade von dorther die Kunde, daß die Entwicklung nicht ganz so ungünstig verlaufen sei, wie man es erwartet habe. Sowohl die Zahl der Studienanfänger als auch der „Ausstoß“ an Assessoren sei beträchtlich hinter den vorausgesagten Zahlen zurückgeblieben. Lohnt es sich also doch noch, auf die Rechtswissenschaft zu setzen? Soweit mit dieser Frage Berufschancen gemeint sind, kann hierauf niemand eine exakte Antwort geben. Diese Erkenntnis veranlaßte schon vor einigen Jahren die Landesjustizverwaltungen, sich dem Warnruf vor dem Jurastudium anzuschließen. Sie stützten sich dabei auf die Unsicherheit jeglicher Berufsprognose.

Wer die Stellenanzeigen in der Fachpresse, zum Beispiel in der „Neuen Juristischen Wochenschrift“, verfolgt, liest manche verlockenden Angebote, insbesondere für den Verwaltungs- und Justizdienst. Die öffentliche Verwaltung ist aber nun schon seit langem keine Domäne mehr für Juristen. Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen – die oftmals gleich mit aufgefordert werden, sich vorzustellen – machen dem Nur-Juristen erhebliche Konkurrenz. Zwar ist es gerade in der Verwaltung noch möglich, eine Anstellung als Jurist auch ohne Prädikatsexamen zu finden, aber gute Karrierechancen hat nach Ansicht der ZAV nur der Jurist, der zusätzliche Kenntnisse in Soziologie, Ökonomie und Planung mitbringt.