Die Jungsozialisten-Hochschulgruppen sind Antikommunisten und Antisowjetisten, mithin Agenten des CIA, weil sie nicht bereit sind, die großartige und beispiellose Rolle der UdSSR im Kampf für den Frieden anzuerkennen und statt dessen die Mitarbeit in einem ominösen Komitee gegen Repression in der ČSSR und Osteuropa empfehlen!“ Diese markigen Worte eines Redners des „Marxistischen Studentenbundes (MSB) Spartakus“ charakterisierten den Stil der Auseinandersetzungen bei der diesjährigen Mitgliederversammlung des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS) in der Bonner Universitätsmensa.

In der Tat: Die Juso-Hochschulgruppen waren nicht bereit, den VDS, die Dachorganisation der Allgemeinen Studentenausschüsse an fast hundert Universitäten mit insgesamt über 500 000 Studenten, als ein Instrument platter, unkritisch prosowjetischer DKP-Agitation hinzunehmen.

Schon zu Beginn der Tagung hatte Ottmar Schreiner, der bisher für die Jusos im VDS-Vorstand war, angekündigt, die Juso-Hochschulgruppen würden mit ihrer Sperrminorität die VDS-Mitgliederversammlung zu einer „Denkpause“ zwingen, wenn nicht Spartakisten und der ehemalige Sozialdemokratische, heute Sozialistische Studentenbund (SHB), zu sehr weitgehenden Konzessionen bereit seien.

Auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung hatte 1969 der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) den VDS übernommen. Der SDS löste sich jedoch bald auf, und der Verband Deutscher Studentenschaften bewegte sich seitdem immer am Rande des wirtschaftlichen und politischen Bankrotts. Die Bundesregierung stoppte die Unterstützung aus öffentlichen Mitteln, und der VDS hatte in der bildungspolitischen Diskussion so gut wie keinen Einfluß mehr. Als dann vor zwei Jahren die Spartakisten zusammen mit dem SHB in den VDS-Vorstand einzogen, war der Studentenverband selbst für viele Linke nicht mehr akzeptabel, weil er sich fast ausschließlich an der Politik der DKP orientierte.

Der DKP-Kurs wird hinlänglich durch den Rechenschaftsbericht der MSB- und SHB-Vorstandsvertreter belegt; da wird zwar viel von der Freundschaft mit der UdSSR, vom Bündnis mit der Arbeiterklasse geredet, doch die Aussagen zur sozialen Situation der Studenten und zur Hochschulpolitik bleiben weitgehend Phrasen. Statt dessen werden die Reisen von VDS-Vorstandsmitgliedern nach Nordvietnam und in die „Unabhängige Republik Guinea-Bissao“ (also in die Aufstandsgebiete in Portugiesisch-Guinea) als ein „bedeutsames Ereignis in der Geschichte unseres Verbandes“ und von „herausragender politischer Bedeutung“, gewertet.

Es wirft ein Schlaglicht auf das von den Spartakisten so sehr propagierte Bündnis von Sozialdemokraten und Kommunisten, daß Juso-Sprecher Ottmar Schreiner einen eigenen Rechenschaftsbericht vorlegte, in dem er dokumentierte, wie seine Kollegen von MSB und SHB rücksichtslos ihre Mehrheit dazu ausnutzten, um sich in allen kontroversen Fragen durchzusetzen. Seine Stellungnahmen zu hochschul- und studentenpolitischen Fragen seien „aus politischen Gründen“ abgelehnt worden. Auch habe es die Vorstandsmehrheit verstanden, Vertreter solcher Allgemeinen Studentenausschüsse, die nicht in allen Punkten mit dem Programm des VDS konform gingen, von der Teilnahme an den Weltfestspielen der Jugend in Ostberlin fernzuhalten.

Die Forderung Schreiners, der VDS-Vorstand solle sich auch für die seit dem Prager Frühling inhaftierten Kommilitonen in der ČSSR einsetzen, wurden von den Spartakisten als „entspannungsfeindlich“ mißbilligt. Ebenso war es für eine Gastdelegation der Freien Deutschen Jugend aus der DDR ein Dorn im Auge, daß es in der Bundesrepublik Linke gibt, die die sozialistischen Staaten kritisch einzuschätzen wissen. Die FDJler intervenierten sogar bei der Juso-Fraktion und verurteilten Schreiners Forderung als eine „Einmischung in innere Angelegenheiten sozialistischer Bruderländer“.