Von Karl-Heinz Janßen

Das hatte sich Martin Neuffer nicht träumen lassen. Noch war der neugewählte Intendant des Norddeutschen Rundfunks keinen vollen Tag im Amt, da hing ihm schon ein Skandal am Hals. Ein "Panorama"-Skandal gar – nicht zuletzt wegen des dauernden Ärgers über Peter Merseburgers Magazin-Sendung hatte die CDU Neuffers Vorgänger zu Fall gebracht. So etwas hatte es in der Geschichte der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands (ARD) bislang nicht gegeben: Zum erstenmal wollten Intendanten anderer Sendeanstalten wenige. Stunden vor der Sendung einen Film sehen, den Merseburger am Montagabend zum Thema § 218 ins Gemeinschaftsprogramm zu hieven gedachte, und die ARD-Intendantenkonferenz entschied durch Mehrheitsbeschluß, diesen Film vom Programm abzusetzen.

Neuffer und sein Stellvertreter, der geschäftsführende Programmdirektor Dietrich Schwarzkopf, beugten sich der Mehrheit, weil sie die ARD nicht aufs Spiel setzen wollten. Merseburger saß als stummer Zeuge dabei – weder er noch seine Redakteure waren nach ihrer Meinung gefragt worden. "War das eine Verletzung der inneren Rundfunkfreiheit und ein Eingriff in die Meinungsfreiheit?", wurde Neuffer hernach von einem Untergebenen gefragt. Doch nach zwei Tagen wollte der Intendant dazu pauschal weder ja noch nein sagen.

Den ganzen Ärger hatte ihm eine junge Journalistin eingebrockt – Alice Schwarzer, ansonsten als politische Korrespondentin in Paris lebend, aber seit einigen Jahren hierzulande aktiv in der Frauen-"Aktion 218". In der edition suhrkamp veröffentlichte sie achtzehn Erlebnisprotokolle von Frauen, die abgetrieben haben.

Damals wurden Regierung, Justiz und Parteien durch eine Selbstanzeigen-Kampagne der Frauen verunsichert. 374 Frauen – von der Filmdiva bis zur Arbeiterin – bekannten Anfang Juni 1971 im stern: "Ich habe abgetrieben." Tausende von Selbstbezichtigungen folgten. Keine der Selbstanzeigerinnen mußte ins Gefängnis, doch die Drohung des Paragraphen 218 blieb bestehen. Immerhin, die Demonstrantinnen erreichten mit ihrer Schocktherapie ("Mein Bauch gehört mir") doch soviel, daß die sozialliberale Koalition wach wurde und die Gesetzgebungsmaschinerie in Gang setzte.

Nun will endlich der Bundestag über die vorliegenden Reformvorschläge entscheiden. Die Gegner des Paragraphen 218 aber glauben, daß es noch einmal einer Kampagne bedürfe. Sie fürchten, daß statt der Fristenlösung – straffreier Abbruch der Schwangerschaft während der ersten drei Monate – mit Hilfe der CDU/CSU der Vorschlag einer SPD-Minderheit angenommen wird, wonach nur bei bestimmten Gründen, über die erst ein Arzt befinden muß, abgetrieben werden, darf. Und sie glauben, Frauen und Mädchen würden dann weiterhin die Heimlichkeit vorziehen und sich Kurpfuschern oder profitsüchtigen Ärzten anvertrauen.

Die neue Kampagne unterscheidet sich von der ersten dadurch, daß sich diesmal auch Mediziner der Abtreibung bezichtigen, zumeist Kliniker, die bei dieser Gelegenheit gegen die Chefarzt-Hierarchie zu Felde ziehen wollen. Umfragen hatten ergeben, daß von fünf Chefärzten nur einer die Betten seiner Klinik für Patientinnen, die abtreiben wollen, hergeben würde.