Von Anni Carlsson

Viele geniale Pioniere der skandinavischen Literatur sind proletarischer Herkunft. Um nur einige Namen zu nennen: die „Sumpfpflanze“ H. C. Andersen, der „Sohn einer Magd“ August Strindberg, die Norweger Knut Hamsun und Johan Falkberget, die Schweden Eyvind Johnson, Vilhelm Moberg, Ivar Lo Johansson, Harry Martinson, Jan Fridegård, der Däne Martin Andersen Nexö und der Wahl-Norweger dänischer Herkunft Aksel Sandemose (1899–1965).

Sandemose, Sohn eines dänischen Schmiedes und einer norwegischen Mutter, Gärtner, Seemann, Museumswächter, Gelegenheitsarbeiter in Kanada und Neufundland, kehrte seiner Vaterstadt Nykøbing mit dreißig Jahren den Rücken, übersiedelte nach Norwegen und schrieb trotz erster literarischer Erfolge in Dänemark seine weiteren fünfzehn Bücher in norwegischer Sprache. Der autobiographisch verankerte Roman „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“ (1933) berichtet die Vorgeschichte dieses Entschlusses; mit einem Beitrag zur Weltliteratur stellte sich Sandemose als repräsentativer norwegischer Schriftsteller vor.

Doch das Thema war mit dem ersten Entwurf nicht erschöpft. Es begleitete den Verfasser über zwei Jahrzehnte, wurde aus- und umgebaut, differenziert und vertieft, bis 1955 die endgültige Fassung erschien, die jetzt auch in einer deutschen Ausgabe vorliegt –

Aksel Sandemose: „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“, aus dem Norwegischen und mit einem Nachwort von Udo Birckholz; Verlag Volk und Welt, Ost-Berlin, 1973; 561 S., 11,60 DM.

Es ist viel darüber gerätselt worden, daß der „Flüchtling“, der sich hier Sandemoses Autobiographie zu eigen macht, ein Mörder ist – ein Revenant aus Sandemoses erstem in Norwegen publizierten Roman „Ein Seemann ging an Land“ (1931). Sandemoses Gedanken kreisen immer wieder um diesen dunklen Punkt. Verquickt der Roman Erfindung und Wahrheit, beschwert den Dichter die Gewissenslast des Mörders?

Der Dichter Sandemose sah es nicht ungern, daß seine Fiktion so ernst genommen wurde; kam er doch auch in späteren Büchern auf die Verwandtschaft von Dichter und Verbrecher zurück. So symbolisiert der Roman „Der Teerhändler“ (1945) den Dichter als Heiratsschwindler; beide sind intelligente Träumer auf Abwegen.