Von Hermann Bößenecker

Im exquisiten Hotel „Vier Jahreszeiten“ dinierten Anfang November letzten Jahres, zwei Männer, die sich bis dahin noch nie begegnet waren: Ludwig Bölkow, Vorsitzender der Geschäftsführung der Firma Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) in Ottobrunn und Juergen Krackow, im Wartestand lebender Ex-Generaldirektor des Essener Krupp-Konzerns.

Der 61jährige Luftfahrtpionier Bölkow hatte den 50jährigen Manager von der Ruhr zu einem Kontaktgespräch an die von gebeten, bevor der Aufsichtsrat des führenden deutschen Luft- und Raumfahrtkonzerns Krackow zum „ersten Kaufmann“ und Bölkow-Stellvertreter in die Geschäftsführung berufen wollte. Was nach diesem Treffen geschah, läßt sich nur schwer rekonstruieren. Widersprüchliche Interessen der acht Gesellschafter sowie persönliche Machtüberlegungen führten zu einem über drei Monate dauernden Tauziehen, das in der letzten Woche mit dem spektakulären Rücktritt des MBB-Aufsichtsratsvorsitzenden Karl Schott seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte.

Dabei könnte sich das bayerische Renommierunternehmen eigentlich einen solchen Luxus weniger als jedes andere Unternehmen leisten. Denn um seine finanzielle Verfassung steht es nicht zum Besten. Die schmale Eigenkapitalbasis ließ den Schuldenberg in den letzten Jahren immer höher wachsen, und die steigenden Zinsen drückten so stark auf die Erträge, daß man am Rande des Defizits dahinschlidderte. Finanzchef Johannes Popien hat schon im vergangenen Jahr resigniert. Krackow war als sein Nachfolger mit wesentlich erweiterten Kompetenzen vorgesehen. Zusammen mit Bölkow sollte er in den kommenden Jahren das Unternehmen durch grenzüberschreitende Fusionen in eine europäische Größenordnung hineinführen.

Doch zu einem weiteren Gespräch zwischen den beiden Männern, auf deren kollegiale Zusammenarbeit in den nächsten Jahren die meisten der acht Gesellschaftergruppen bei MBB große Hoffnungen gesetzt hatten, kam es nicht mehr. Ein neuer Termin kam nicht zustande, obwohl Bölkow Krackow eine „Job-description“ geschickt hatte.

Für die Berufung des ehemaligen Krupp-Generals an die Spitze von MBB hatten sich vor allem Thyssen, die Siemens AG und Professor Willy Messerschmitt stark gemacht. Besonders für Krackow eingesetzt hatte sich auch Bayerns ehrgeiziger Finanzminister und MBB-Aufsichtsrat Ludwig Huber, der sich, wie man in Ottobrunn ironisch bemerkt, hier „als großer Unternehmensstratege profilieren wollte“. (CSU-Politiker Huber ist nach wie vor ernsthafter Anwärter auf den 1976 vakant werdenden Präsidentenstuhl der Bayerischen Landesbank Girozentrale mit Jahresbezügen von mehr als einer Viertelmillion Mark.) In dem Spiel um Krackow, so meinen Insider, sei er eine „Schlüsselfigur“. Sein Verhältnis zu Bölkow scheint seit langem nicht das beste zu sein.

Aufsichtsratsvorsitzender Schott, bis vor kurzem Vorstandschef bei MAN, soll schon nach kurzen Verhandlungen den Eindruck gewonnen haben, daß einige Leute aus dem Kreis der Gesellschafter in der „Dampfwalzendynamik“-Krackows (so ein MBB-Aufsichtsrat) einen Hebel sehen, um den auch für seine Partner oft unbequemen Bölkow „auszubooten“. Nachdem Schott jedoch feststellen mußte, wie sehr der dominierende öffentliche Auftraggeber das Unternehmen MBB nach wie vor mit dem hochangesehenen Bölkow identifiziert, gewann bei ihm offensichtlich eine Auffassung die Oberhand, die ein Insider so umschreibt: „Jede Tendenz, einen Mann hinzubringen, der Bölkow vom Stuhl haut, ist falsch.“