„Lexikon der Psychiatrie“, herausgegeben von Christian Müller. Wie konzipiert man ein Nachschlagewerk, das den Grundbestand psychiatrischen Wissens und psychiatrischer Problemstellungen nicht nur dem künftigen Facharzt, sondern auch Psychologen, Soziologen, Sozialarbeitern übersichtlich darbieten will? Sechzig oft klangvolle Namen nennt das Mitarbeiterverzeichnis. Offenbar war den Beiträgern für ihre Artikel ziemlich freie Hand gelassen; sonst wäre es nicht möglich, daß einige rein historische Begriffe (oder auch der wissenschaftlich kaum brauchbare der „Vitalität“) lang und breit erörtert werden, aber niemand nachschlagen kann, was ein „Borderline-Fall“ ist, was es mit dem neuerdings so viel diskutierten Autismus auf sich hat, mit welchen Fragen sich die Ethnopsychiatrie befaßt oder welche Reformideen das Schlagwort „Gemeindepsychiatrie“ zusammenfaßt. Verdienstvoll, daß Tiefenpsychologie und Psychoanalyse als den Psychiater angehend einbezogen werden; was genau die Psychoanalyse ihn angeht, sollte in dem ihr gewidmeten Artikel (der über Daseinsanalyse ist siebenmal so lang) expliziert werden. Der Verfasser des riesigen Beitrages über Ethologie ging ausführlich der Frage nach, wieweit ethologische Forschungen für die Psychiatrie relevant werden; der des viel kürzeren über Soziologie hielt Ähnliches nicht für geboten, obwohl Geisteskrankheit und ihre Behandlung zum Gegenstand soziologischer Forschungen wurden, die zu kennen für den Psychiater sehr wichtig ist. Ein konzeptioneller Pluralismus macht sich störend bemerkbar: was der eine Autor akzentuiert, ist, bei thematisch sich überlappenden Artikeln, dem anderen (auch in den Literaturangaben) irrelevant. Daß es in der Psychiatrie vielerlei Orientierungen gibt, sollte der Orientierungsuchende nicht aus wachsender Ratlosigkeit erschließen müssen, sondern jeweils gesagt bekommen – wie in den vorbildlichen Artikeln über Nosologie (v. Zerssen) und Schizophrenie (Benedetti, mit 34 Spalten der längste Beitrag). Daß in der Psychiatrie allerhand im Umbruch ist, erfährt der Leser wenigstens an ein paar Stellen. Daß nicht gewagt wurde, die Psychiatrie selber zu definieren, bleibt, trotz der Begründungsversuche im Vorwort, symptomatisch. Auch ihre Institutionen werden nicht zum Gegenstand der Reflexion erhoben. Warum das nötig wäre und warum es nicht geschieht, ist in Andeutungen dem Stichwort „Hospitalismus“ zu entnehmen. (Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg/New York, 1973; 592 S., 98,– DM.) Hans Krieger