Neu in Museen und Galerien:

Hamburg Bis zum 24. März, Kunsthaus: „Schottische Malerei 1880 – 1930“

Wie offizielle Freundschaftsveranstaltungen zu bilanzieren sind, wissen die Initiatoren ziemlich genau, das Vergnügen, Unerwartetes erleben zu können, bleibt dem teilnehmenden Publikum. Daß, im Rahmen der Glasgow-Woche in Hamburg, die „Glasgow Rangers“ vom HSV eine glatte 3:0-Niederlage hinnehmen mußten (die Fußballfreunde aller Nationen hatten gerade mühsam den unerwarteten Untergang des „Celtic Glasgow“ gegen den FC Basel verkraftet), war mindestens so überraschend wie die Entdeckung der unbekannten Qualitäten der kaum bekannten „Glasgow Boys“. Die letzteren haben weder mit Fußball, noch mit Whisky, noch mit Dudelsäcken oder „Bonnie Prince Charlie“ etwas zu tun, es sind Maler, die um die Jahrhundertwende aus schottischer Ferne einen höchst unerwarteten Beitrag zur Kunst jener Jahre lieferten. Zu einer Zeit, die total beherrscht schien vom französischen Steppenbrand des Impressionismus, betrieben die Schotten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem: zurückhaltend und undramatisch, dabei aber eigenwillig und mit dem Herzen in den Highlands, auch wenn die laue Sommerluft der Schule von Barbizon gelegentlich aus den Bildern entgegenweht (wie bei Waltons „Der bernsteinfarbene Weiher“), Cézannesche Strukturen im Bildaufbau überdeutlich werden (wie in fast allen Arbeiten von John Peploe) und bei den „Boys“ überhaupt so allerlei auszumachen ist zwischen Thoma und Böcklin. Um die Jahrhundertwende waren Maler wie Walton, McTaggart, Lever, Peploe, Henry und Pringle auf dem Kontinent, wo sie an vielen Ausstellungen teilnahmen, durchaus bekannt. Aber im Nachhinein reduzierte sich schottische Kunst aus kontinentaler Sicht auf einen großen Namen: Charles Rennie Mackintosh, Designer und Architekt des Art Deco-Stil (von ihm sind in Hamburg vier Aquarelle von kalkuliert fragiler Schönheit zu sehen). Mackintosh, der seiner viktorianisch verschnörkelten Zeit gradlinig weit voraus und den Wiener Sezessionisten Bestätigung und Ansporn zugleich war, ist durch das, was er selber hinterlassen, wie auch durch das, was er bewirkt hat, ein Künstler jenseits des Nationalen. Dagegen ein Herbst, ein See, eine kuhbestückte Wiese von Walton, McTaggart oder Henry: Hier sind sie alle, die Farben der „Tartans“, der karierten Stoffe, die Schottlands Clans voneinander trennen, die Farben, die heute wie vor hundert Jahren in kühner Konkurrenz auf Kilts und Schals blühen; hier ist alles das, was, Vorteil und Begrenzung, die „Glasgow Boys“ zu eben solchen macht.

Petra Kipphoff

Mannheim Bis zum 27. März, Städtische Kunsthalle: „Japanische Kunst der Gegenwart“

Das Neueste aus Japan, von den rund hundert Arbeiten wurden fast alle 1973 hergestellt, die Auswahl für das „Japan Art Festival“ besorgte eine Jury aus Museumsleuten und Kritikern. Eine fernöstliche Aktualitätenschau, die sich kaum von entsprechenden westlichen Veranstaltungen unterscheidet. Progressivität wird als Emanzipation von künstlerischer Vergangenheit verstanden. Die jungen japanischen Künstler sind, wen wundert es, bestens informiert über das, was in New York, London, Düsseldorf oder Kassel geschieht. Gewisse Assimilationsschwierigkeiten resultieren aus dem Übereifer, mit dem Probleme und Konzepte übernommen und dann nicht zu Ende gedacht werden. Die Ausstellung ist reich an modisch drapierten Tiefsinnigkeiten und intellektuellem Kunstgewerbe. „Katastrophe und Konstruktion“: ein freistehendes Environment aus elegant zerbrochenen, aufgespaltenen, abgeknickten Holzplanken, die das Katastrophale, und blanken, unbeschädigten Edelstahlplatten, die das Konstruktive visualisieren sollen. Wenn Steine und Hölzer mit Draht verbunden und als geschlossenes Quadrat auf Zementsockeln befestigt werden, dann symbolisieren sie das ohnehin Augenscheinliche, Verbindung, Verband, Verbundenheit. Als das derzeit Aktuellste gilt in Japan offenbar die Frage nach der Realität des Realen, für die sowohl Duchamp und Magritte, aber auch schon Kosuth herangezogen und variiert werden. Das Problem der Bildwirklichkeit als Dreiphasenobjekt: Bemalte Kieselsteine werden in der Photographie gezeigt, in der zweiten Phase sind einige reale Steine über das Photo verstreut, bis die reproduzierte Realität von der faktischen Realität der Steine in der Endphase verdeckt, überrollt und zum Verschwinden gebracht wird. Ähnlich motiviert, aber mit Witz und plastischer Bravour sind die „Zwei Marmorhüften“ hergestellt: der streng stilisierte Marmortorso als dreidimensionale Skulptur und als Reproduktion auf der Marmorplatte. Auch in der Malerei und in der Graphik geht es vor allem um die – abstrakte – Frage nach den divergierenden Realitätsebenen, politische und gesellschaftliche Probleme bleiben unreflektiert.

Gottfried Sello