Von Dieter Hildebrandt

Szene vorab: Da war eine Parklücke auf einem jener streng verwalteten Areale in der Leipziger Innenstadt, die während der Messe mit viel karossiertem Autoblech vollstehen, aber ob es eine wirkliche Lücke war, schien strittig. Jedenfalls zankte sich der Chauffeur einer imposanten und wohl nicht ganz unwichtigen DDR-Limousine mit einem Volkspolizisten über die Möglichkeit der Einfahrt. Dieser Platz, sagte der Uniformierte, sei besetzt. Worauf die Antwort kam: „Besetzt ist nicht immer Dogma.“

Besetzt ist nicht immer Dogma: Fast ist das schon das Fazit des Berichts über die Leipziger Buchmesse des Frühjahrs 1974. Immer war ja diese Büchergelegenheit eingebettet in die kommerzielle Rüstigkeit der Stadt, immer schon seit Gründung der Deutschen Demokratischen Republik war sie auch kulturpolitisches Ereignis. Aber diesmal kamen mehrere Besonderheiten hinzu: Es war die erste Buchmesse nach der Explosion von Anerkennung, die die DDR 1973 verzeichnen konnte, es war, zudem, die erste Buchmesse nach einem Schriftstellerkongreß, der die Autoren als besonders wichtige Beiträger zu einer sozialistischen Gesellschaft vorstellen konnte. Es war (und ist in diesen Tagen noch) die zugleich am stärksten gelöste und anspruchsvollste Buchmesse, die je aus Leipzig zu beschreiben war.

Daß Reiner Kunze, vom Reclam Verlag betreut, im Gohliser Schlößchen las (wo sonst eher wohltemperierte Klaviere stehen), daß Rolf Hochhuth sich zu einer Diskussion angesagt hatte, daß Peter Weiss mit der Rostocker Fassung seines „Hölderlin“ zur Stelle war, ist nur der äußerliche Eindruck des neuen Klimas. Eher war schon die Gelassenheit bezeichnend, mit der auf der Pressekonferenz des Leipziger Börsenvereins die Fragen nach Wolf Biermann beantwortet wurden: ob denn sein Chile-Gedicht nicht Eingang finden werde in den geplanten Solidaritätsband, zu dem Erik Neutsch aufgerufen habe beim Schriftstellerkongreß, warum er in einer westdeutschen DDR-Anthologie nicht habe vertreten sein dürfen, und gar: ob von einer „neuen Kulturpolitik gegenüber Wolf Biermann“ gesprochen werden könne? Bei solchen West-Windigkeiten kommt am Vorstandstisch manches Lächeln auf: gleich eine ganze Kulturpolitik für einen einzigen Autor. Die Auskunft lautete dann etwa so: Biermann solle sein Verhältnis zu seinen DDR-Kollegen erst einmal in Ordnung bringen, schließlich gebe es unter Schriftstellern auch so etwas wie einen Ehrenkodex, und was das Chile-Buch angehe, so sei Biermanns Beitrag willkommen, aber einschicken müsse er ihn halt.

Literaturgesellschaft. Das Wort von Johannes R. Becher wurde zur Messe neu in Kraft gesetzt: Die DDR sei auf dem Weg zu einer Literaturgesellschaft, sagte der Vorsteher des Buchhändler-Börsenvereins, Siegfried Hoffmann. Daß er die Literaturgesellschaft ausspielte gegen die Wegwerfgesellschaft, versteht sich, aber daß er sie auch über die Industriegesellschaft erhob, war eine sanfte Sensation, wenn nicht ein Lapsus. Den westlichen Besucher aber erstaunte am meisten die bescheidene Wendung, man sei erst „auf dem Weg“. Denn an Lesehunger, Schreiblust scheint kaum noch eine Steigerung möglich. Hier ist ein einig Volk von Lesern entstanden. Drastischster Ausdruck dafür war die Promptheit, mit der die Stände der westdeutschen Verlage leer wurden.

Klaus Hoepcke, stellvertretender Kulturminister der DDR, wurde deutlich. Am Sonntag, zur Eröffnung der Buchmesse, hatte er eine geradezu anmutige Rede gehalten. Er zitierte das lesefreudige 18. Jahrhundert herbei zum Nutzen für die Gegenwart, aber nun, auf der Pressekonferenz, sagte er Festes, nicht Festliches in Richtung Westen. Natürlich freue man sich über den wachsenden Erfolg der DDR-Literatur in der Bundesrepublik. Aber wehren (so sinngemäß) müsse man sich dagegen, daß es ein falscher Erfolg werde. Rezeption sei willkommen, Okkupation dagegen nicht. „Das ist unsere Literatur“, rief er förmlich aus. Diese neue DDR-Literatur könne gern zur Kenntnis genommen werden, aber: „Sie gehört nicht Ihnen.“ Das wird hier ohne Ironie referiert und müßte auch so gelesen werden. Denn damit wird ein wirkliches Dilemma bezeichnet. Indem die DDR-Literatur immer genauer, spezifischer eingeht auf die Probleme der Gesellschaft, die sie meint und beschreibt und betreibt, werden Lizenzausgaben (213 im vergangenen Jahr) gen Westen gleichzeitig zum Export solcher Problematik; trifft die nun auf jenen kritischen Vokabelschatz, den man in Leipzig bestenfalls bürgerlich nennt, so können natürlich Rezensionen dabei herauskommen, die sich mit dem DDR-Selbstverständnis nicht ganz decken. Ob das dann immer schon „zusammenphantasiert“ ist, wie Hoepcke einem Buchkritiker vorwarf, mag eine deutsche Frage bleiben.

Daß diese Literatur, von der Hoepcke sprach, nicht für den „Markt“, also auch nicht für die Masse gemacht ist, sondern sich eher an ideellen oder politischen Daten orientiert, zeigte sich an der großen Zahl der Neuerscheinungen, die noch „blind“ waren. Nicht die Frühjahrsmesse ist der Richtpunkt für die derzeitige Buchproduktion, sondern der 25. Jahrestag der Gründung der DDR. Da wird es dann eine Reihe von Anthologien geben („Fünfzig Erzähler der DDR“, „Lyrik der DDR“, „Auskünfte“, ein Band mit Kommentaren von Schriftstellern über ihre Erstlingswerke unter dem Titel „Eröffnungen“), da werden neue Titel von Christa Wolf („Unter den Linden“), der erste Band von Erik Neutschs „Der Friede im Osten“, Stefan Heyms „Lassalle“ herauskommen, da erscheint Brigitte Reimanns „Franziska Linkerhand“, Günter Goerlich mit der „Heimkehr in ein fremdes Land“, Rolf Schneider mit der „Reise nach Jaroslaw“. Titel, die Neugier wecken.