Verstaatlichung, Pfründenwirtschaft und Korruption führten das Land in seine schwerste Nachkriegskrise

Von Friedhelm Gröteke

Von vierzig Ländern, die in der nahen Vergangenheit eine Inflationsrate von über 15 Prozent hatten, werden nur noch zwei demokratisch regiert“, warnte kürzlich die republikanische Parteizeitung Voce Republicana.

In Italien kommen solche Warnungen nicht von ungefähr. Nachdem die Inflationsrate bereits im vergangenen Jahr auf 12,5 Prozent gestiegen war, kletterten die Preise – trotz des Preisstopps – allein im Februar wieder um 3,3 Prozent. Das entspricht einer Jahresrate von fast 40 Prozent. Berechnet wird das Tempo der Inflation in Italien zur Zeit allein vom „Institut für Konjunkturstudien“, denn das Statistische Amt in Rom wird bereits seit zwei Monaten durch einen Streik gelähmt.

Damit hat sich auch in Italien der Preisstopp als Schlag ins Wasser erwiesen. Seine anfänglich scheinbar positive Wirkung hat inzwischen längst den üblichen Begleiterscheinungen dirigistischer Eingriffe dieser Art Platz gemacht: Nach acht Monaten Preisstopp beherrschen Spekulation, Schwarzhandel, Angstkäufe, Produktions- und Verkaufsboykotte den Markt. Nur während der drei ersten Monate des Preisstopps sank die monatliche Inflationsrate auf 0,5 Prozent. Heute ist sie höher denn je zuvor.

Die vom Trab in den Galopp überwechselnde Inflation ist in Italien aber nur das Symptom einer tiefgehenden Strukturkrise, die nicht allein inraschen Preissteigerungen auf allen Gebieten ihren Ausdruck, findet, sondern auch darin, daß in immer weiteren Bereichen des öffentlichen Lebens „nichts mehr geht“.

Am 12. Februar 1974 bekam der Verfasser dieses Artikels einen Brief, der am 11. November 1973 in Rom abgeschickt worden war.