Bevor eines Abends in Paris die langjährigen Freunde Carlo Fruttero und Franco Lucentini beschlossen, gemeinsam einen „Reißer“ zu schreiben, hatten die beiden – der römische Wahl-Turiner Lucentini und der gebürtige Turiner Fruttero – schon lange zusammengearbeitet, gemeinsam das Auslandslektorat für große Verlage betreut, was sie noch jetzt tun; gemeinsam einen Gedichtband veröffentlicht, der nach dem Erfolg des Bestsellers neu aufgelegt wurde; sie wurden durch ihre „Science-fiction-Anthologie“ berühmt, neuerdings freilich noch mehr durch ihre Kolumne in „La Stampa“, die humoristisch satirische Sittenschilderung betreibt. Deren eine wurde von Ghadaffi, der keinen Spaß versteht, so übel genommen, daß ein arabisches „Boykottkomitee“ die Entlassung dieser Mitarbeiter wie des Chefredakteurs bei Strafe des Boykotts aller Fiat-Autos forderte – denn Herr Agnelli von Fiat ist Besitzer von „La Stampa“. Die Betroffenen – und selbstverständlich nicht Entlassenen – kommentierten damals: „Wir sind die kostspieligsten Journalisten der Welt.“ Italiens Botschafter in Tripolis aber überbrachte demütig die Entschuldigungen seiner Regierung.

Literarisch wichtiger ist, daß der Romanerfolg und Journalistenruhm auch die Aufmerksamkeit auf die vorzügliche Erzählung Lucentinis „Notizie degli scavi“ (Nachrichten über die Ausgrabungen) gelenkt hat, deren Übersetzung zu wünschen ist. Denn F. und L. sind literarisch zu „höherem“ fähig als zu diesem als Bestseller geplanten, überaus „gekonnten“ Roman, der jedoch in seiner Art keineswegs gering zu schätzen ist, zumal da es Italien an guter Unterhaltungsliteratur mangelt –

Carlo Fruttero und Franco Lucentini: „Die Sonntagsfrau“, Roman, aus dem Italienischen von Herbert Schlüter; Piper Verlag, München, 1974; 528 S., 29,80 DM.

„Die Sonntagsfrau“ ist ein gutgebauter „Krimi“, zugleich ein Führer durch verschiedenste Gesellschaftsschichten – Neureiche, altes Bürgertum, Randfiguren der großen mitteleuropäischen Stadt Turin, die durch die sprunghafte Masseneinwanderung aus Süditalien ihren Charakter geändert hat.

Das ist ein im traditionellen Sinn gut erzählter Roman, eher behäbig fortschreitend, mit Charaktervignetten und Exkursen, als zielstrebig auf Mord und Ermittlung fixiert. Doch geht das Krimi-Thema nicht verloren – die Ermordung eines geschäftemachenden Architekten mittels eines steinernen Phallus (man darf an den Film „Clockwork Orange“ denken) und die eines jungen Homosexuellen. Beide Morde sind mehr Vorwand für Schilderungen, für vorzügliche Dialoge, die das Ohr der Autoren für alle Sprachwandlungen offenbaren. Der Roman ist also nicht der Spannung wegen geschrieben, sondern die Story dient dazu, eine Sittenschilderung lesbar zu machen. Daher auch die gelegentlich spürbare ironische Distanz der Autoren gegenüber ihrem eigenen Vorhaben.

Die Stärke des Romans liegt im Atmosphärischen – das ist also im „Krimi“ am ehesten Simenon-Tradition. Was bleibt, wenn einmal der Mörder – oder die Mörderin? – entlarvt ist und der sizilianische Kommissar Santamaria auch noch den Liebeslohn einer Dame der besten Turiner Gesellschaft erhält, ist die Ansicht einer mitteleuropäischen Stadt, die sich noch an altbäuerliche Traditionen, an Besitztümer am Stadtrand klammert, die zugleich an amerikanischem und Pariser Avantgardismus teilhaben will, einer Stadt mit ihren Neureichen, ihren Handwerkern, ihren Parasiten – vor allem die Schilderung der Turiner „guten Gesellschaft“.

Fruttero und Lucentini haben mit diesem Roman nicht nur in Italien innerhalb eines Jahres 120 000 Exemplare ihrer „Sonntagsfrau“ abgesetzt, sondern sind auch in Frankreich schnell auf die Bestsellerlisten gelangt. Es wird interessant sein zu beobachten, ob in der sauberen deutschen Übersetzung von Herbert Schlüter diese clevere, aber qualitätsvolle Mischung von Sittenbild und Krimi auch bei uns ihre Leser finden wird.

François Bondy