Nach dem Schock der Hamburg-Wahl: Der Kanzler soll wieder alles richten – Die FDP hat Angst, in den Strudel zu geraten

Von Eduard Neumaier

Bonn, im März

Mit einiger Phasen Verzögerung hat die Druckwelle des Hamburger Wahlergebnisses die Bundeshauptstadt erreicht und dort jene Konfusion angerichtet, die stets ein untrügliches Indiz schwerer Erschütterungen war. Sogar Sozialdemokraten ziehen Parallelen mit Ludwig Erhards schwerer Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen im Jahre 1966: Auch damals war dem Schock ein glanzvoller persönlicher Sieg des Kanzlers bei der Bundestagswahl vorausgegangen. Auch damals wurde die Loyalität zum Ersten unter dem durchsichtigen Fähnlein scheinbarer Besorgnis schwer verletzt, wurde der Appell zur Geschlossenheit mit vielen Interviews lächerlich gemacht. Tief erschreckt registrieren nicht nur Sozialdemokraten, daß solche Vergleiche möglich geworden sind, Der ungeschriebene, ursozialdemokratische Verhaltenskodex der Solidarität scheint außer Kraft gesetzt.

Freilich – zwei gravierende Merkmale der gegenwärtigen Unruhe schränken die Analogie zum Jahre 1966 ein: Auch die ungebetenen Ratgeber wie von Dohnanyi und von Oertzen sind sich mit Linken und Rechten in der Partei einig, daß die SPD, wenn überhaupt noch, nur mit Willy Brandt die Regierungsführung in Bonn behalten und die Verluste in den Bundesländern begrenzen kann. In Brandt, so wird verlangt, müsse sich die SPD personalisieren. Doch mit einer so engen Verknüpfung von Partei und Person wird das künftige Schicksal der SPD bei den Wählern von der anhaltenden Wirkung Brandts abhängig gemacht. 1966 war die CDU geradezu besessen, die Identität von Partei und Erfolgsmaskottchen aufzulösen.

Aber die SPD sucht diese Gleichsetzung nicht ohne Grund – denn, und das ist der zweite Unterschied zu 1966, die innere Zerrissenheit der SPD kann, seit Herbert Wehner die Rolle des Integrators aufgegeben hat, nur noch personal durch Brandt verdeckt werden. Die Flügel, gekennzeichnet einerseits durch Politiker wie Helmut Schmidt und Jochen Vogel, andererseits durch Erhard Eppler und Peter von Oertzen, sind zur sachlichen Geschlossenheit nicht mehr in der Lage. Daß am Tag des Hamburger Depressionserlebnisses die Frankfurter SPD und eine Woche danach die Münchner SPD kräftig nach links rückten und der Parteivize Helmut Schmidt der Linken aggressiv den Kampf ansagte, hat deutlich gemacht, welche Welten zwischen einzelnen Gruppen und zwischen ihren Exponenten liegen.

Der SPD fehle eine parteipolitische Strategie, wird moniert. Zu fragen ist, ob sie noch möglich ist. Helfen kann ihr zunächst jedenfalls nur parteipolitische Taktik, oder Kosmetik. Taktik ist denn auch alles, was Brandt angedient wurde. Und mit taktischen Manövern können Brandt und die SPD-Zentrale beginnen, die ärgsten Lecks, die für Niedersachsen und Hessen befürchtet werden, vorsorglich abzuschotten.