Ebenso wie bei anderen internationalen Ölkonzernen, so ist auch bei der Royal Dutch/Shell-Gruppe im vergangenen Jahr der Gewinn „explodiert“. Das Nettoergebnis stieg 1973 von 282 auf 730 Millionen Pfund. Zur großen Enttäuschung der Royal-Dutch-Aktionäre hat der Kurs ihrer Aktien auf dieses glänzende Ergebnis überhaupt nicht reagiert. Mit 90 Mark je 20-Gulden-Aktie bewegt sie sich weiterhin in unmittelbarer Nähe ihres historischen Tiefstandes. Der Höchstkurs lag 1973 bei 127 Mark.

Trotz der Gewinnzunahme ihrer Gesellschaft haben die Royal-Dutch-Aktionäre also während des Ölbooms einen Vermögensverlust erlitten. Da Royal Dutch die Dividende seit 1970 mit 7,25 Gulden je Aktie unverändert ließ, hat sich auch das Realeinkommen der Aktionäre wegen der steigenden Inflationsraten ständig verringert. Es ist also wirklich kein Vergnügen, Mitbesitzer eines der vielgeschmähten Ölkonzerne zu sein.

Für 1973 wäre eine Dividendenerhöhung fällig gewesen. Aber sie erlaubt der niederländische Dividendenstopp nicht. Er hat zur Folge, daß nur 33 Prozent des bei Royal Dutch angefallenen Gewinns von 2,9 Milliarden Gulden ausgeschüttet werden können. Zwei Milliarden bleiben der Gesellschaft. Für die Verwaltung sicherlich eine angenehme Sache. Aber man darf ihr abnehmen, daß sie ihre Aktionäre gern besser gestellt hätte. Denn Unternehmensziel ist es, jeweils die Hälfte des Gewinns auszuschütten und die andere Hälfte den Rücklagen zuzuführen. 1972 ist das nicht erreicht worden. Damals mußten, um die Dividende in alter Höhe zahlen zu können, 72,4 Prozent des Gewinns an die Aktionäre verteilt werden. Hier zeigt sich bereits, daß 1972 ein Ausnahmejahr für die Ölgesellschaften war und wie wenig seriös es ist, die Kritik an den vorjährigen Gewinnsteigerungen allein aus einem Vergleich der Jahre 1972 und 1973 abzuleiten.

Richtig ist, daß der Gewinn des Jahres 1973 der höchste innerhalb der vergangenen fünf Jahre war. 1969 betrug er 2,2 Milliarden Gulden; bis einschließlich 1972 ist er ständig, geschrumpft. Aber 1969 war der Gewinn erheblich mehr „wert“ als heute. Mit ihm konnte die Gruppe damals beispielsweise 38 Tanker zum Preis von je 11 Millionen Pfund erwerben, heute nur noch 20 Tanker, denn ihr Preis (gleiche Größenklasse) ist auf 21 Millionen Pfund gestiegen. Ähnlich steht es mit Bohrplattformen, Dienstleistungen, Raffinerien und so weiter.

Halten wir also fest, meine verehrten Leser, daß bei rascherem Tempo der Inflation auch die Gewinne kräftig steigen müssen, falls die Substanz eines Unternehmens erhalten bleiben soll. Nun ist der Gewinn bei multinationalen Unternehmen eine recht undurchsichtige Sache, weniger weil hier etwas versteckt wird, als vielmehr wegen der ständigen Währungsveränderungen. Tatsächlich sind in der Royal-Dutch-Bilanz Scheingewinne enthalten, die nur deshalb entstanden sind, weil die Gruppe ihre Bilanzen in Pfund Sterling aufstellt, obwohl im Sterling-Raum nur etwa acht Prozent der Aktivitäten der Gruppe liegen. Die Gewinnerholung in Gebieten außerhalb der Sterling-Blocks – vor allem in Europa und Japan – schlägt sich durch die Pfund-Schwäche verstärkt in der Gruppenbilanz nieder. Etwa 150 Millionen Pfund des Jahresergebnisses sind auf solche Währungsscheingewinne zurückzuführen. Es würden nur dann echte Gewinne sein, wenn die Überschüsse aus den Tochtergesellschaften nach London transferiert und im Sterling-Raum wieder ausgegeben würden. Das ist aber nicht der Fall.

Wie sich die unterschiedlichen Währungsverhältnisse auswirken, zeigt folgendes Beispiel: Das Nettoergebnis der Gruppe macht – wie schon eingangs erwähnt – 730 Millionen Pfund aus. Das entspricht einer Verzinsung des Nettovermögens zu Anschaffungskosten minus Abschreibungen von 17 Prozent (1969 waren es 12,4 Prozent). Würde man indessen die Bilanz in Mark aufmachen, so schrumpft die Kapitalverzinsung auf 10 bis 11 Prozent. Ich bin mir bewußt, daß dies eine recht trockene Rechnerei ist, meine verehrten Leser. Aber die ständigen Veränderungen der Währungsrelationen machen es eben schwierig, die Bilanzen international arbeitender Konzerne zu bewerten. Merken Sie sich nur eines: Je schwächer das englische Pfund, um so eines: „erscheinen“ bei Royal Dutch die Gewinne. Aber es sind zum Teil eben nur „Scheingewinne“.

Ein weiterer Punkt, den es beim Royal Dutch-Ergebnis zu beachten gilt, ist die Aufblähung des Vorratsvermögens durch die höheren Rohölpreise. Die Verwaltung streitet keineswegs ab, mit den Rohölvorräten Gewinne gemacht zu haben. Schließlich ist sie am Ende des III. Quartals – wie vor jedem Winter – mit Rohöl gut bevorratet gewesen. Als nun die Ölförderländer ihre Preise stufenweise erhöhten, sind diese Vorräte zu den jeweils geltenden Marktsätzen abgegeben worden. Das brachte einen „außerordentlichen“ Gewinn von etwa 100 Millionen Pfund.