Von Manfred Sack

Auch James Last kommt ohne die Erfolge anderer nicht aus. Er verbraucht Deodatos Jazz-Spielerei über Straußens Zarathustra, er bekommt einen Bravoruf für sein Beethoven-Fondant, die F-Dur-Romanze, und wenn er seinen Chor bemüht, greift er nach Bette Middlers Sound und verschmäht es auch nicht, auf die Klang- und Lichtmanieren von Les Humphries’ Singers zu schielen. Wenn einer wie er monatlich eine Langspielplatte herstellt, gibt es offenbar Momente musikalischer Leere, die mit Routine gestopft werden. Man spürte das in Bremen, wo James Last am Montag das dritte Konzert seiner Europa-Tournee in der ausverkauften Stadthalle gegeben hat.

Die Halle faßt sechseinhalbtausend Menschen, und wenn einer so viel Leute aus dem Häuschen bringt, muß man davon Notiz nehmen. Legte man die weit über zwanzig Millionen Schallplatten, die er bisher verkauft hat, aneinander, gäbe das eine Kette von Hamburg bis nach Ulan Bator; geht man davon aus, daß auf jeder Langspielplatte fünfzig Minuten Musik sind, kommt man auf eine Spieldauer von gut 2300 Jahren – so gerechnet, liefe Lasts vervielfältigte Musik von 400 vor Christus bis auf den heutigen Tag.

Solch eine Rechnung ist natürlich barer Unsinn, aber bisweilen muß man sie anstellen, um sich über so einen Begriff wie den Erfolg klar zu werden. Über hundert Goldene Schallplatten sind die zur Wertanlage ausgebildete Bescheinigung dafür. Und wie von selber bedienen sich Lasts Propagandisten der entsprechenden Sprache: "James Last macht müde Partys munter"; James Last "weiß, was ankommt", mehr: "was am besten ankommt". Die Marktlücke, die er gefunden hat, stopft er seit nunmehr neun Jahren – und noch ist nicht zu erkennen, wann sie mal voll ist.

Das Füllmaterial ist Bigband-Musik, ist "Happy-Music", jedes Stück ein Glücklichmacher. Das setzt erstens ein starkes Bedürfnis nach musikalischer Beglückung voraus und zweitens eine dafür sich eignende Musik, eine also für möglichst viele, eine für die – wie jemand treffend gesagt hat – "schweigende Mehrheit" der Musik verbrauchenden Menschheit. Offensichtlich sind beide Bedingungen erfüllt in 95 Ländern der Erde – so groß ist Lasts Marktplatz.

Man muß weder soziologisch noch psychologisch besonders gebildet fein, um zu wissen, daß Last-Hörer weder intellektuellen Spaß an musikalischen Strukturen suchen noch ihr Amüsement aus dem Witz einer Musik beziehen, sondern nichts wollen als eine nirgendwo anstrengende, das Gemüt umschmeichelnde und rhythmisch ergreifende Partymusik. Lasts Publikum entstammt der breiten, nach unten und oben schwer eingrenzbaren Mittelklasse; es macht sich gern hübsch und hat ein offensichtlich starkes, aber gehemmtes Bedürfnis nach körperlicher Stimulierung: Es will tanzen. Insofern finden Lasts Veranstaltungen in den falschen Sälen statt: in Konzert- statt in Tanzhallen.

Vielleicht ist das die Erklärung für so einen Erfolgsmenschen wie James Last: Er liefert den an Lebensspaß Ausgehungerten den konservierten musikalischen Spaß und zeigt ihnen obendrein, wie’s gemacht werden muß. Man muß mitklatschen, man muß mitlachen, man muß dann und wann freudig johlen und einen Korken knallen lassen. Bei Last klingt immer alles wie Silvester. Denn tatsächlich sind diese Hintergrundgeräusche ein eminent wichtiger Bestandteil aller Last-Platten mit der sogenannten Happy-Go-Lucky-Musik.