Von Werner Ross

Portugal gehört zu den Ländern, deren Sonnenstrände uns davon dispensieren, uns um Weiteres zu kümmern. Eine beständige Sonne und eine ausdauernde Diktatur – so glauben wir zu wissen – produzieren so viel Lethargie, daß uns aus Portugal nichts Gutes, nichts Bemerkenswertes kommen kann. Es ist schon überraschend, in dem Roman eines jüngeren Autors aus Portugal auf ein Zitat aus Enzensbergers „Politik und Verbrechen“ zu stoßen –

José Cardoso Pires: „Der Dauphin“ – Der Roman des heutigen Portugal, aus dem Portugiesischen von Curt Meyer-Clason; Horst Erdmann Verlag, Tübingen/Basel, 1973; 216 S., 19,80 DM.

Die Intellektuellenmilieus von Lissabon sind offenbar recht munter, die Meerstadt öffnet sich nach allen Himmelsrichtungen, der neue Pfarrer liest Teilhard de Chardin. Er fährt außerdem einen Morris, so wie der Ingenieur, die Hauptfigur des Romans, ohne seinen Jaguar nicht zu denken wäre. Wohlstand und Aufklärung haben auch an den Grenzen Portugals nicht haltgemacht.

Selbstverständlich dämpft die Diktatur gefährliche Einflüsse, bekämpft, was sie als „subversiv“ bezeichnet, aber eben damit bietet sie dem Witz des Autors eine Blöße. Man spielt zum Beispiel das „Spiel vom scharfen Auge“: man wählt ein beliebiges Wort, etwa Jagd oder Arzt, und muß über möglichst wenige Assoziationsbrücken zum Endpunkt „subversiv“ kommen, also: Jagd-Schüsse-Revolution-Subversion, oder Arzt-Wissenschaft-Denken-subversiv. Man kann, man muß sich lustig machen über das „System“, und wenn die Zeitungen zu Tode zensiert werden, so darf man es doch wenigstens sagen: „In wenigen Minuten ist die Lektüre der Zeitung beendet, und schon sind meine Finger voll bleifarbener matter Druckerschwärze. Das ist Schweiß, denke ich, der bittere, mühselige Schweiß von ein paar armseligen Bogen Papier, von ängstlichen Redakteuren erzeugt, Bogen, die ganze Ketten von Abteilungen durchlaufen, wo die Schere waltet und Zaudern und Unsicherheit herrschen, bis sie endlich in den schweren Rotationsmaschinen glattgewalzt werden. Wenn man den Daumen am Zeigefinger reibt, fühlt man die Mühsal rinnen, den kaum merklichen Schwamm, der unser Gewissen verkleistert und glattmacht... Die Zensur hat diese Zeitung dermaßen gespült und ausgewrungen, daß sie uns nur noch die Hände beschmutzt

Freiheit, Zensur, Demokratie, Sozialismus – dies könnte ein Thema des Romans sein. Aber die politische Dimension wird zu leicht genommen, das Pathos der „Portugalität“, mit dem die Regierung arbeitet, wird als fade und faule Rhetorik ironisiert: „Rhetorik ist die Maske der Impotenz.“