Bei Livorno hört die Autostrada auf. Von dort schlängelt sich die verkehrsreiche Straße an der Küste entlang, durch überfüllte Ortschaften und landschaftsbedingte Engpässe. Das macht die letzten 75 Kilometer der Anreise zum Hafen recht mühsam. Also nähert sich der Tourist nur langsam der Hafenstadt Piombino, wo er sich und sein Auto nach Elba einschifft.

In Piombino hat sich in den fünf Jahren, die verstrichen sind, seit ich die Stadt zuletzt sah, nichts geändert. Sie ist immer noch zu klein für den gewaltigen Strom der Autotouristen, immer noch ungepflegt, und die Fährschiffahrt ist immer noch so miserabel organisiert wie eh und je. Selbst wer einen festgebuchten Platz auf einem der alten Fährkolosse hat – ohne solche Buchung hat der Reisende während der Saison kaum eine Chance, vor Ablauf mehrerer Tage sein Auto auf die Insel zu bringen –, muß in dem Fahrkartenbüro Schlange stehen, voller Sorge, weil er unweigerlich sein Fahrzeug auf einem verbotenen Platz abgestellt hat. Das Reisebüro empfiehlt, eine halbe Stunde vor dem Ablegen am Hafen zu sein. Ratsam ist es, sich schon eine Stunde vorher dort einzufinden. Piombino ist eine Qual, die den Schweiß literweise kostet, den das Schicksal vor die Inselfreuden gesetzt hat.

In Piombino verliert der Sommerfrischler die Hoffnung, daß die knapp eineinhalb Stunden Überfahrt entfernte Insel mit immerhin nur 223 Quadratkilometer Landfläche, von der nur ein Bruchteil überhaupt erreichbar ist, noch einen ruhigen Platz für erholungssuchende Städter bieten könnte. Doch das täuscht. Die Menschenmassen, die sich verärgert in der häßlichen Küstenstadt tummeln, verlaufen sich vergnügt, sobald die dicken Schiffe sie aus dem Bug, der sich wie ein Walfischmaul öffnet, mit ihren Autos in Portoferraio ausgespuckt haben.

Portoferraio, das früher einmal stolz Cosmopoli geheißen hat, beeindruckt die meisten Besucher zunächst nicht. Allzu eilig, und das ist nach den Mühen der Überfahrt verständlich, strebt der Tourist seinem Hotel, seiner Pension oder dem Campingplatz zu. Doch sollte er nicht erst am Tage seiner Rückkehr die Hafenstadt wieder aufsuchen. Gewiß, der neue Teil des Ortes, wo die Fährschiffe anlegen, ist uninteressant. Doch Portoferraio ist in seinem alten Teil ein malerisches, um zwei Plätze gruppiertes Städtchen, mit winkligen, zum Teil treppenförmigen Gäßchen von toskanischem Charme. Freitagvormittag ist Markt. Das bunte Treiben sollte man einmal wenigstens besuchen.

Als wir nach fünf Jahren Elba wieder betraten, fragten wir uns bang, ob wohl der Tourismus die einst so beglückend schöne Insel inzwischen zugrundegerichtet habe wie viele Ferienorte Europas von der Ostsee bis Sizilien. Immerhin: Im vergangenen Jahrzehnt hat sich alles dort verdreifacht: die Zahl der Hotels, der privaten Ferienhäuser und der Campingplätze, die Zahl der Autos, der Gaststätten und selbstverständlich auch der Touristen, sowohl der italienischen, die immer noch mehr als die Hälfte ausmachen, als auch der ausländischen, an denen die Deutschen mit 40 Prozent vor den Engländern (20 Prozent) den größten Anteil haben. Zurückgegangen ist nur die Zahl der Einheimischen. Elbaner waren immer schon auswanderungsfreudig. Als Seeleute auf den sieben Weltmeeren kannten sie sich von jeher auf dem Globus aus. Südamerika, Kanada und Australien, so sagen die Leute, beherbergen mehr Elbaner als die Insel selbst.

Solche Statistik läßt befürchten, daß die Insel längst der Überfremdung zum Opfer gefallen sei, und daß die Touristikindustrie die Landschaft mit Scheußlichkeiten aus Beton zerstört haben muß. Jedoch von einem häßlichen Hotelneubau im Kasernenstil in der Nähe von Prócchio abgesehen, ist der Charakter Elbas erhalten geblieben. Dafür hat bisher eine Übereinkunft der Gemeindeverwaltungen auf der Insel gesorgt, nach der Neubauten in ihrer Höhe die umgebenden Baumwipfel nicht übersteigen dürfen, der Stil der Häuser von der toskanischen Bauweise nicht allzu weit abweichen und eine bestimmte Baudichte nicht überschritten werden soll.

Freilich kann nicht verschwiegen werden, daß es den Bürgermeistern der nicht gerade mit Reichtum verwöhnten Gemeinden immer schwerer fällt, den Baulöwen zu widerstehen, die sich mit lockenden finanziellen Angeboten Platz für lukrative Bettenburgen erschleichen möchten. Jedenfalls fürchten besorgte Inselbewohner, daß ein Einbruch in die Phalanx der Kulturbewahrer nicht mehr lange auf sich warten läßt.