Beim ersten Rundgang wirkte alles so wie eh und je. Das Disneyland der Reise (was sich selbst ITB – Internationale Tourismus-Börse – nennt), die gesamte Welt des Urlaubs im Plastik-Kleinformat protzte lässig mit Spezies und Spezialitäten aus aller Damen und Herren Länder.

An den Ständen floß Champagner und Rollmopssoße. Die Berliner Besucher, ich glaube, ein paar weniger als im Vorjahr, schlenderten gleichmütig von Stand zu Stand, schnupperten hier ein bißchen Senegal, da ein bißchen DDR – doch alles ohne jenes Reisefieber, das sonst erst den Duft der großen Weite in die muffigen Hallen brachte.

Fiebrig fegten lediglich die Veranstalter durch die Gänge. Jeder angesprochene Pressesprecher legt die große Gelassenheit in seine Streß-Falten und beruhigt: Auch sein Unternehmen sehe der kommenden Entwicklung mit Gelassenheit entgegen, zieht ein Papier mit Zahlen aus der Tasche und erklärt, warum die Zahlen, nämlich das derzeitige Buchungsaufkommen für die kommende Saison im Vergleich zum Vorjahr, so sei, und warum das durchaus gut so sei.

Tatsächlich haben bei diesem Vergleich – nach eigenen Angaben – nur Neckermann (plus sechs Prozent) und der lose Kompagnon „gut“ Zuwächse (12 Prozent): „allein im Flugsektor – es ist mir peinlich, das zu sagen, 16 Prozent.“ („gut“-Sprecher Heinz Bischoff).

Die anderen Veranstalter verbreiten für ihre Negativ-Entwicklungen eigene Theorien. Flugreisenspezialist Transeuropa, im letzten Jahr der große Neckermannabnehmer, erklärt seine Verluste (Mitte Januar minus 40, Februar noch immer 15 Prozent) damit, daß „unser Prospekt zwei Wochen später rauskam als die anderen“. Die Hummelleute, diese Bahnlandstreicher, haben eruiert, daß nur ihre Billigangebote unter „ferner laufen“, während die teuren und mittelteuren Angebote Zuwachs meldeten. Nämlich: „Die sozioökonomisch niedrigeren Schichten sind zurückhaltender.“

Das ist immerhin eine Beobachtung, die nicht nur Hummel gemacht hat. Tatsächlich liegen die Buchungen in Nordrhein-Westfalen um 20 Prozent unter dem Vorjahrsstand, in der Opelstadt Bochum gar um 33 Prozent. Während im Bundesschnitt zur Zeit minus 12 Prozent genannt werden, meldet ausgerechnet Berlin 18 Prozent Zuwachs. Und da machen dann alle wieder ihre Fragezeichengesichter.

Unsicherheit und Unklarheit herrschen in einer Branche, die freilich – jedenfalls in der industrialisierten Form – erst zehn Jahre alt ist. Wie reagiert der krisengestreßte Deutsche in seinen Ferien? Bei der Rezession 1966 kam der Reiserückschlag erst zwei Jahre später, 1968. Warum? Die „Welt“ glaubt gar nicht an einen krisenbedingten Buchungsrückgang. In einem Wirtschaftsleitartikel mutmaßt sie, daß zumindest im Flugtourismus eine Sättigung eingetreten sei, ein Zuwachs generell, unabhängig von Krisen, nicht mehr zu erwarten wäre. Dies ist freilich eine fragwürdige Theorie, zumal andere Länder, zum Beispiel Skandinavien und England, eine viel größere Reiseintensität haben als die Bundesrepublik. Im übrigen aber geben sich die Fachleute am liebsten sokratisch: „Wir wissen nur – daß wir eigentlich nichts wissen können. Die Branche ist einfach zu jung,“