Berlin, im März

Wie ein Bauprojekt zu einem öffentlich diskutierten Ärgernis werden kann, das zeigt nicht nur das Berliner Kreisel-Projekt, sondern auch das traditionsreiche Ausflugslokal Onkel Toms Hütte, das jetzt neu und ausgebaut werden soll. Dabei rechnet man zwar nur mit vier Millionen Mark Baukosten, weswegen es sich mit dem Kreisel-Monument gar nicht vergleichen läßt; was dagegen Perfidie, Verlogenheit und wahrscheinlich auch Ämterpatronage angeht, dürfte es den Kreisel sogar erheblich übertreffen. Da wurde und wird gegen so viele Anstandsregeln, Vorschriften, vermutlich gar Gesetze verstoßen, daß sie hier nur grob und lückenhaft aufgezählt werden können.

Onkel Toms Hütte wurde vor mehr als hundert Jahren mitten im Grunewald errichtet. Um der Allgemeinheit Lokal und angrenzenden Wald zu erhalten, kaufte das Bezirksamt Zehlendorf vor genau zehn Jahren das 31 400 Quadratmeter große Gelände. Seltsamerweise wurde es aber gerade von diesem Zeitpunkt an immer weniger für die Allgemeinheit zugänglich – es sei denn, man wollte einige auserwählte Damen- und Herrenreiter als „Allgemeinheit“ definieren. Denn am Ausflugslokal hatte sich eine Reitschule niedergelassen. Und an der Grenze des Geländes warnt ein Schild: „Privatbesitz – Unbefugten ist das Betreten verboten.“

Nicht weit vom Schild sieht man Stallungen, einen Turnierplatz, natürlich auch Pferde. 122 Pferde stehen da. Und längst ist inzwischen auch das Lokal an die Reiter verpachtet worden. Da stehen nun keine Ausflügler mehr an der Theke, sondern Pferde.

Nur die Pacht wurde reduziert. Während der Gastronom noch monatlich 1300 Mark bezahlen mußte, brauchen die armen Reiter nur noch 200 Mark an das Bezirksamt Zehlendorf zu überweisen. Das ganze Unternehmen untersteht jetzt einer Reitschulen-Kommanditgesellschaft, und für die „Verwaltung und Finanzierung reitsportlicher Einrichtungen“ gibt es eine GmbH & Co. So ist es möglich, die neuen Bauten wie üblich mit gesparten Steuergeldern zu finanzieren. (Von 24 Kommanditisten sind ganze zwei aus Berlin.)

Und jetzt will dieser Gewerbebetrieb, von den zuständigen Behörden kräftig angefeuert, zunächst 2800 Quadratmeter Grunewald bebauen. Ein attraktives Restaurant, Klub- und Gesellschaftsräume, Reithalle, Unterstellräume für Kutschen und Material, Unterkunftsräume für Personal, Schwimmbad, Sauna und Liegeterrassen sollen entstehen. Dabei darf die zulässige Bauhöhe um dreieinhalb Meter überschritten werden.

Nach Meinung des zuständigen Bürgermeisters ist die Anlage von „erheblichem öffentlichen Interesse“, ja von sozialer Bedeutung. Da der Anteil der Reitenden in der Bevölkerung der Stadt nur in Promillen berechnet werden kann, ergibt sich indessen die Frage, woher denn diese Bedeutung für die Allgemeinheit wohl kommt. Daß die Wege im Grunewald von den Pferden aufgewühlt werden, kann kaum der Grund sein. Auch die Reduzierung der Grünflächen nicht. Nein, sagen die Reiter, das öffentliche Interesse liegt in etwas ganz anderem: Die Pferde und die Einrichtungen seien gar nicht in erster Linie für die Reiter da, sondern für die vielen Körperbehinderten der Stadt, vor allem für die etwa 500 spastisch gelähmten Kinder Berlins. Reiten ist gut für sie, schwimmen ebenfalls. Reiten können sie jetzt schon, schwimmen sollen sie können.