ZDF, Freitag, 8. März: „Tod in Astapowo“ – Die Ehe von Leo und Sofia Tolstoj, von Leopold Ahlsen

Es begann mit einer Begriffsverwirrung. Leopold Ahlsens Bildschirmdrama „Tod in Astapowo“ wurde als Dokumentarspiel ausgegeben. Als ob man post festum, mindestens 64 Jahre nach den Ereignissen (wenn man von den Rückblenden absieht, den Rücksprüngen von Astapowo, wo der zweiundachtzigjährige Tolstoj starb, zum Gut Jasnaja Poljana und tief ins 19. Jahrhundert), etwas Dokumentarisches herstellen könnte. Das dokumentarische Spiel ist an die Zeitgeschichte gebunden, es kann nicht nachgestellt und nachgedreht werden, nicht in einer noch so redlichen historischen Absicht. Ahlsen hat unrecht, aber ihm müssen „mildernde Umstände“ zugebilligt werden. Er hat sich, was ihn (oder das ZDF?) zum falschen Etikett verführte, ausgiebig der Dokumente, Quellen, literarischen Zeugnisse bedient und sie vielfach wörtlich zitiert, so daß man immer wieder alte Bekannte begrüßen konnte: Zum Beispiel Leo Tolstojs lapidare Bemerkungen über die Frau und die Ehe, über Eigentum und Armut, die Triebe und die Verlogenheit, den Staat und die Soldaten, die Kirche und die Kunst.

Dramaturgisch unredlich war der Trick, dem Tod in Astapowo, nur weil Film und Bildschirm das Hin und Her relativ leicht machen, das Thema Ehe (schon im Untertitel) quasi unterzuschieben. Und schließlich brachte Ahlsen in dem Thema Ehe ein universal gemeintes Porträt Tolstojs unter, das Porträt einer der faszinierendsten Gestalten, wenigstens unseres Jahrhunderts.

Ahlsen hat mit seinen dramatischen Collagen mindestens dies erreicht: Er hat den Romantizismus, der sich in die Biographien großer Männer hineinfrißt wie Rost ins Normalauto, mit kräftiger Puste fortgeblasen. Er hat sich der historischen Wahrheit genähert, er hat al fresco das Schreckbild einer Ehe hingesetzt, in der beide Partner verbunden sind durch Haßliebe und eine Art Komplizenschaft.

Ahlsen hatte auch recht, daß er nicht etwa Partei ergriff nur zugunsten des Genies und zuungunsten der Frau Sofja Andrejewna. Das Zusammenleben mit dem Autor von „Krieg und Frieden“ muß oft unerträglich gewesen sein. Selbst der erklärte Atheist Gorkij, der Tolstoj persönlich gut kannte und ihn einmal resümierend „gottähnlich“ nannte, meinte doch, er könnte mit ihm nicht unter einem Dach, geschweige denn in einem Zimmer zusammen leben.

Sofja hat später einmal, mehr resignierend als boshaft, gesagt, sie habe mit Lew Nikolajewitsch 48 Jahre zusammen gelebt, aber trotzdem nicht erfahren, was für ein Mensch er war. Haben wir nun, im Jahre 1974, erfahren, wer er eigentlich war? In einem 1919 veröffentlichten Brief und in anderen Aufzeichnungen Gorkijs steht mehr, zum Beispiel über Tolstojs gelegentliche alarmierende Zweifel an der Existenz Gottes. Einiges ist Ahlsen also schuldig geblieben.

Günter Gräwert hat das Drama kontrastreich inszeniert, ohne falsche Scham vor der „Oberfläche“ der Bilder. Seine „tiefenpsychologisch“surrealistische Skizze, wenn Tolstoj (in Froschaugen-Verzerrung) mordet, war ein Stilbruch, aber an fast verzeihlicher Stelle. Hans-Christian Blechs Tolstoj beruhte auf viel Arbeit, nicht nur Intuition. Zuweilen blitzte es genialisch: So, meinte man, muß Tolstoj ausgesehen haben, hin und her pendelnd zwischen Beobachtung und Abtasten der eigenen Innenwelt. Gisela Stein als Sofja (warum im Salonwagen so starr Photographiert?), Dagmar Biener als Alexandra, Wolfgang Wahl als Tschertkow: da verzahnte sich ergiebig Schauspielkunst und Regiearbeit.

Man sollte nicht zu viel verlangen. Vielleicht ist es schon zu viel verlangt, der Bildschirm müsse in fast zweimal 48 Minuten das Geheimnis verraten, das zu ergründen Tolstojs Ehefrau in 48 Jahren nicht geglückt ist. René Drommert