Von Heinz Maegerlein

Nichts gegen Jan Hoffmann, der in München neuer Weltmeister der Eiskunstläufer wurde, aber alles gegen die Preisrichter, die ihn dazu machten! Sie sorgten am 7. März wieder einmal für einen Skandal, einen der größten in der leider an Skandalen so überaus reichen fast 80jährigen Geschichte dieses schönen Sports.

Um diese Zeit kam in der Münchener Olympiahalle der Kanadier Toller Cranston aufs Eis, zelebrierte fünf Minuten lang die schönste Kür, die je auf das Eis geschrieben wurde. Der 25jährige Kunstmaler zauberte. Es gab keine leere Sekunde in dieser Kür. Die fünf Minuten, die sich bei nahezu allen Läufern immer schier endlos dehnen, vergingen im Flug. Was er auch aneinanderreihte, doppelte und dreifache Sprünge mit sicherem Absprung, blitzschnellen Drehungen in der Luft und gutem Aufsetzen, Pirouetten, mal atemberaubend schnell gedreht, mal in zeitlupenartigen Verzögerungen, selten konventionell, meist mit originellen, bisweilen sogar skurrilen Körper- und Armhaltungen, schwierige, nie zuvor gesehene Schrittkombinationen, dazwischen tänzerische Passagen von eigenwilliger Schönheit. Alles kam vollendet. Beispielgebend die völlige Harmonie mit der Musik.

Es war ein Kunstwerk, das erste übrigens seit vielen Jahren auf dem Eis, mit dem Kriterium jedes echten Kunstwerks, in dem der Lauf die Mühe nicht mehr erkennen ließ, die einst bei seiner Entstehung hatte dafür aufgewendet werden müssen. Außerdem, aber das ist im Grunde bei dieser Vollendung eines Laufs sekundär, war es auch im Zusammenklang von Inhalt und Ausführung die wertvollste Kür dieser Weltmeisterschaft.

5000 Zuschauer sahen sie, starrten fasziniert auf diesen Burschen da unten auf dem Eis, klatschten, jubelten, schrien, steigerten sich von Minute zu Minute mehr in einen wahren Beifallsrausch hinein, der am Ende fast die Musik übertönte. Sie begriffen oder erfühlten, was sie da erlebten: eine Sternstunde des Sports wie sie nur alle Jahrzehnte einmal vorkommt.

Alle sahen es, nur die Preisrichter nicht. Sie gaben ihre Noten: 7mal 5,9 und 2mal 5,8 für den Inhalt. Das war gerecht, es waren faire und korrekte Noten. Aber dann! Für die B-Note, jene Wertung, die über die Ausführung, Haltung, Musikalität, Harmonie, Ausstrahlung entscheiden soll, für die es nach diesem Lauf nur eine einzige Antwort hätte geben dürfen, 9mal 6,0, erschien die 6,0 nur zweimal, und 7mal 5,9. Es war, vor allem in der Relation zu allen anderen, besonders aber zu dem Läufer, der unmittelbar danach kam, zu Jan Hoffmann, Betrug. Denn so sehr man einem jeden zubilligen muß – und dafür stehen ja neun Preisrichter bereit –, daß er einen Lauf etwas anders als andere sieht, so sehr bei dem einen das Gefühl für Musikalität und Harmonie stärker ausgeprägt sein darf als etwa der Blick für die sportlichen Schwierigkeiten, so sehr sich die Gewichte dabei verschieben dürfen, hier hätte ihnen einfach die Gerechtigkeit gebieten müssen, in ihren Noten die Distanz sichtbar zu machen, die an diesem Abend den präzisen, technisch brillanten Handwerker vom überragenden Künstler trennte. Sie taten es nicht, legten auch in der B-Note überwiegend nur ein Zehntel zwischen die beiden an diesem Abend so ungleichen Läufer und brachten damit den Kanadier um die Früchte seiner Leistung – er wurde in der Addition von Pflicht, Kurzprogramm und Kür, ein Treppenwitz, sogar nur dritter hinter Hoffmann und Volkov.

Bei den Paaren hatte es mit den Fehlurteilen schon am ersten Abend angefangen. Bei den Olympischen Winterspielen von Sapporo hatte es einen Skandal gegeben, als Ulanow, damals noch Partner von Irina Rodnina, den vorgeschriebenen Doppelsalchow in der Pflichtkür nicht sprang und das Paar dennoch die höchsten Wertungen erhielt. In München sprang Irina den einfachen statt des doppelten Salchow, eines der sechs geforderten Elemente dieser Pflichtkür fehlte also. Statt der allenfalls möglichen 5,6 aber gaben die Richter Wertungen von 5,8 und 5,9, die Weltmeisterschaft war damit schon gesichert, es hätte der Kür, die dann das Paar tatsächlich am besten lief, gar nicht mehr bedurft. Wir haben die Preisrichter oft genug in Schutz genommen gegen ungerechtfertigte Pfiffe des Publikums, etwa gegen niedrige Wertungen, wenn diese korrekt waren. Aber bei einem solchen Betrug, und beim Fehlen eines ganzen Elementes kann das Urteil einfach anders nicht lauten, braucht sich niemand zu wundern, wenn auch in München, wie schon so oft, und oft an anderen Orten, gellende Pfiffe des herausgeforderten Volkszorns die Atmosphäre arg trübte.