Der Verdacht, daß Arbeiter der Kunststoffindustrie, die den Dämpfen der zu vielen Konsumgütern verarbeiteten Chemikalie Vinylchlorid ausgesetzt sind, an Krebs erkranken können, scheint sich jetzt in den Vereinigten Staaten zu bestätigen.

Vor Tagen alarmierte die Meldung von Todesfällen im Chemiewerk B. F. Goodrich in Louisville die amerikanische Öffentlichkeit, Fünf Arbeiter, die jahrelang damit beschäftigt waren Vinylchlorid, das zumeist als Gas auftritt, in Polyvinylchlorid (PVC), eine puderartige Substanz, umzuwandeln, wurden Opfer einer seltenen Krebserkrankung: des Angiosarkoms an der Leber. „Wir haben es hier mit einer neuen gefährlichen Berufskrankheit zu tun; es hat keinen Zweck dies zu leugnen“, sagt John O’Neill, Leiter der Abteilung Gesundheitsgesetze in der amerikanischen Behörde für Arbeitssicherheit und -gesundheit.

Die Todesfälle schreckten rund 6500 Chemiearbeiter und Zehntausende von Beschäftigten der amerikanischen Kunststoffindustrie auf, die aus PVC so vielfältige Gegenstände wie Fußbodenbeläge, Kleider, Dekorationsstoffe und Schallplatten herstellen – sie fühlen ihre Gesundheit bedroht. Gewerkschaftsvertreter in den USA fordern beunruhigt, sofort mit einer Notverordnung sicherere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Sie verlangen die gesetzlich festgelegte Höchstgrenze der Vinylchlorid-Konzentration in der Luft, von 500 ppm (500 Teilen pro eine Million Teile) drastisch herunterzusetzen.

Selbst einigen Chemie-Unternehmen in den Vereinigten Staaten schien diese Grenze seit langem gefährlich hoch zu sein. So setzte der Chemiekonzern Dow Chemical gewarnt durch eigene Untersuchungen, bereits vor 15 Jahren das Konzentratslimit für seine Arbeiter auf durchschnittlich 50 ppm fest.

Entdeckt wurden die Fälle von Krebserkrankungen in Louisville vor etwa einem Monat. Ein starker Anstieg an Leberleiden unter den Goodrich-Arbeitern veranlaßte die Firma, bei allen eine Blutuntersuchung zu machen. Von 271 Arbeitern fanden die Werksmediziner bei 55 Personen deutliche Leberabnormitäten.

Bei Nachforschungen in den Gesundheitsakten der Werksangehörigen stieß man auf drei bis dahin unbeachtete Fälle von Angiosarkomen an der Leber seit 1971. Die gleiche Erkrankung war auch schon bei zwei Arbeitern des Werkes in den Jahren 1968 und 1964 registriert worden. Alle fünf Krebsopfer des Goodrich-Betriebes sind mittlerweile gestorben, den sechsten Krebs-Fall diagnostizierten Chirurgen in Louisville vor etwa 14 Tagen. Dieser Chemiearbeiter lebt noch.

Das Angiosarkom an der Leber, ein bösartiges Hämangiom (Blutschwamm), befällt Blutgefäße und Bindegewebsgerüst des Organs. Es gehört zu den ganz seltenen Krebsarten: In den USA werden in jedem Jahr nur etwa 20 Fälle registriert. Experten allerdings halten für wahrscheinlich, daß die Krankheit gelegentlich als Todesursache nicht erkannt wird. Die Diagnose dieses Leber-Sarkoms ist recht schwierig, die bösartige Geschwulst tritt erst nach vielen Jahren sichtbar hervor. So waren die Opfer von Louisville durchschnittlich 19 Jahre lang den Vinylchlorid-Dämpfen ausgesetzt.