Ein Metall, das die Welt verrückt macht

Von Peter Dubrow

Der Goldpreis geht hoch. Die Spekulanten sind high. Und zum Rausch der wenigen mit den Goldfingern, die voll in die Gewinne greifen, gesellt sich der run der vielen, denen das Gerücht im Nacken hockt, daß ihr Papiergeld mitsamt den Rentenpapieren eines eher nahen als fernen Tages eben nur Papier sein wird.

„Selbst Großmütter und Tanten“, so zitierte der Spiegel (skeptisch gegenüber Gold) einen Anlageberater, auf den ältere Damen offenbar alarmierend wirken, „rennen an den Bankschalter und kaufen Gold.“ Die Wirtschaftswoche (fanatisch für Gold) schrieb: „Das große Massengeschäft mit Gold hat freilich erst begonnen.“ Als ein Indiz dafür konnte die Zürcher Bahnhofstraße herhalten, dieser Index-Boulevard internationaler Kauflust; dort seien „die Goldmünzen aus den Schaufenstern verschwunden. Nur noch Flecken von ungebleichtem Samt künden vom einstigen Aufenthalt der kostbaren Stücke“. Die Mahnung ist unüberhörbar: Wer nicht rasch kauft, der kauft teurer. Das deutsche Zwanzig-Mark-Goldstück aus Kaisers Zeiten, zum Beispiel, hat am 1. März 1973 163,53 Mark gekostet, am 1. März 1974 aber 238,65 Mark; und die Preisfrage ist, was man morgen und in ein paar Monaten zahlen muß.

Jener rheinische Getränkegroßvertriebs-Ex-Eigner, der seinen 12,5-Kilo-Goldbarren höchstpersönlich in den Safe einer Zürcher Bank trug und dabei an einen Mann erinnerte, der seine Braut über die Schlafzimmerschwelle hebt, hatte den Gegenwert von mehr als 200 000 Schweizer Franken in den Händen. Vor einem halben Jahr noch war der Barren nahezu um die Hälfte weniger wert. Die Kurve für Gold auf dem freien Markt ist steil nach oben gezackt. In einer Reihe von Hochsprüngen hat der Goldpreis, der 1970 bei 34,70 Dollar je Unze stand, mittlerweile die 170-Dollar-Marke bewältigt. Und ob das so fröhlich weitergeht und wie es dazu kam und ob der Goldpreis auf die Nase fällt oder nicht, darüber hört man heute die Experten heftig streiten, wie eh und je gestritten wurde, sobald Gold wieder einmal ins Gerede kam.

Schmelzpunkt: 1064 Grad Celsius

Was aber ist Gold wirklich wert? Das Schürfen und Aufbereiten eines Kilogramms, seine Herstellung mithin, kostet im Durchschnitt etwa fünftausend Mark. Doch dafür ist es nicht zu haben. Als „goldne Sternlein“ und „goldne Abendsonne“ mag es Gemütswert haben; handfest aber ist es schon mit allem aufgewogen worden, was Menschen haben, ihr Leben eingeschlossen. Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Margaretes Klage im Faust ist längst zum geflügelten Wort geworden. Das Volk trägt Gold, das es gut gebrauchen kann und sonst nicht hat, überhaupt gern auf der Zunge.