Lieber Pavel,

vom 23. bis 26. Februar fand in Bièvres, einer Kleinstadt nahe Paris, ein Internationales Colloquium zum Thema „Die Tschechoslowakei und der Sozialismus“ statt. Als Gast habe ich dort Freunde wiedergetroffen: Jiři Pelikan und Eduard Goldstücker, die zusammen mit dem ehemaligen Rundfunkdirektor Hejzlar und mit anderen tschechoslowakischen Reformkommunisten das Treffen organisiert hatten.

Ich schreibe Dir aus mehreren Gründen: weil mir ein Einreisevisum in die ČSSR verweigert wird und ich Dir und anderen Freunden nicht persönlich Bericht geben kann, und weil ich den Wunsch vieler tschechoslowakischer Reformkommunisten und • westeuropäischer Sozialisten akzeptiere, den Versuch eines Dialogs über die Grenze zu wagen. Wir sollten den offenen Briefwechsel aus jener Zeit wieder aufnehmen, als der Prager Frühling zum politischen Begriff wurde und wir noch größere Hoffnung hatten.

Soviel, lieber Pavel, ist sicher: Der Prager Frühling will und wird nicht aufhören. Deine und meine tschechischen Freunde haben nicht resigniert, vielmehr sind sie dabei, gemeinsam mit den Sozialisten anderer Länder das fortzusetzen, was im August 1968 in der Tschechoslowakei durch dumme Gewalt unterbrochen wurde. In Bièvres diskutierten nicht nur alte, von den Konzentrationslagern Hitlers und den Zuchthäusern Stalins gezeichnete Sozialisten; auch junge Leute waren dabei, etwa Karel Kovanda, der letzte Vorsitzende des tschechischen Studentenverbandes. Englische, italienische und französische Kommunisten sprachen teils in Obereinstimmung mit ihrer Parteimeinung, teils abweichend von ihr gegen die Unterdrückung des tschechoslowakischen Reformkommunismus und, von ihm ausgehend, von der Reform jener sowjetischen Staatsherrschaft, die den Sozialismus sinnentleert und korrumpiert hat.

Ich will Dir keine übertriebenen Hoffnungen machen: Kein glanzvoller und schlagzeilenstiftender Kongreß fand statt, vielmehr saßen 60 bis 70 Sozialisten gedrängt in einem schütteren, kleinstädtischen Kulturzentrum und waren sich der in Ost und West vorherrschenden Ignoranz bewußt. Du weißt, wie hartnäckig die Neue Linke im Westen den tschechoslowakischen Reformversuch abgetan hat und wie beharrlich sich die internationale Zunft der (links oder rechts) Einäugigen bis heutzutage weigert, die Zusammenarbeit des sowjetischen Imperialismus mit dem US-amerikanischen zu erkennen.

Ich habe in Bièvres sieben Thesen zum demokratischen Sozialismus vorgetragen und zur Diskussion gestellt. Und da ich auch gerne Deine und eventuell die Meinung anderer tschechoslowakischer Freunde zu diesen Thesen wüßte, übermittle ich sie Dir in der Hoffnung, Antwort zu bekommen.

Vor fünfeinhalb Jahren wurde nicht nur die Tschechoslowakei durch die Armeen der Warschauer-Pakt-Mächte besetzt, sondern wohl auch der erste Versuch, den sowjetischen Staatskommunismus zu reformieren, gewaltsam unterbunden. Zwar glückte die Unterdrückung auf altbekannte Weise, doch den Schaden hat, wie sich zeigt, nicht nur die Tschechoslowakei zu tragen; in erster Linie beraubte sich die Sowjetunion der einzigen Möglichkeit, die Fehlentwicklung ihres Systems grundlegend zu ändern.