Von Hayo Matthiesen

Dies ist die erfreulichste bildungspolitische Nachricht der letzten Zeit: Das Land Nordrhein-Westfalen errichtet in der Stadt Hagen eine als Gesamthochschule konzipierte Fernuniversität. Zum Beginn des Wintersemesters 1975/76 soll das Projekt bereits so weit realisiert sein, daß sich sieben- bis neuntausend Studierende immatrikulieren können.

Zu Recht kann der Düsseldorfer Wissenschaftsminister Johannes Rau stolz auf diese Pionierleistung sein. Denn zwar wird hierzulande über Fernuniversitäten oder Universitätsfernsehen seit fast einem Jahrzehnt palavert, geschehen ist jedoch bis heute so gut wie nichts. Das Fernstudium im Medienverbund (FIM) ist inzwischen den zahlreichen daran interessierten und beteiligten Gruppen lediglich zerredet worden. Dazu gehört zuallererst der Bund, der nach dem Grundgesetz für verschiedene Hochschulbelange zuständig ist, es aber nicht wagte, mit einer Modellfernuniversität voranzugehen, wie sie in England als Open University seit 1971 mit zunehmendem Erfolg betrieben wird. Wahrscheinlich war diese Enthaltsamkeit des Bundes berechtigt; denn die Kulturhoheit, die bis in die alltägliche Praxis von Prüfungen und Lehrplänen reicht, liegt nun einmal bei den Ländern, und die wachen ausgesprochen argwöhnisch darüber, daß Bonn ihnen ja nichts von ihrer Kompetenz abzwackt. Mit ziemlicher Sicherheit hätte das Vorpreschen des Bundes zu einer Verfassungsklage geführt.

Neben Bund und Ländern sind die neun Rundfunk- und Fernsehanstalten der ARD und das Mainzer ZDF der dritte wichtige Partner beim FIM. Sie pochen hartnäckig auf ihre Programmhoheit und denken nicht daran, sich vorschreiben zu lassen, was sie senden sollen und was nicht. Dieses Programm jedoch, also die Inhalte des Fernstudiums, müßte von den Hochschulen erarbeitet werden, die wiederum ihre Freiheit von Lehre und Forschung gesichert wissen wollen und sich bisher insgesamt nur wenig mit dem Fernstudium angefreundet haben.

Mit all diesen Interessen und Zuständigkeiten haben sich in den letzten Jahren ungezählte Gremien befaßt; doch keinem ist es gelungen, die Divergenzen so weit auszugleichen, daß ein allgemeiner Kompromiß möglich geworden wäre. Heute scheint eine bundesweite FIM-Lösung ungewisser als je zuvor, und das Fernstudium bleibt nach einem Wort des Bonner Bildungsministers Klaus von Dohnanyi „eines der unerfreulichsten Themen, die es in den letzten Jahren deutscher Kultur- und Hochschulpolitik gegeben hat“.

Das ist der bildungspolitische Hintergrund, und Johannes Rau handelte klug, daß er sich um diesen ganzen Wust überhaupt nicht kümmerte. Er umgeht die anscheinend unlösbaren Querelen, indem er eine eigenständige Fernuniversität errichtet. Positive Erfahrungen, die mit dem Fernstudium in Amerika, Frankreich und England gemacht wurden, sind bei dem Hagener Projekt berücksichtigt, das freilich im eigentlichen Sinn kein „richtiges“ Fernstudium im Medienverbund ist. Denn „aus den bekannten schwierigen verfassungsrechtlichen Problemen“, so das Düsseldorfer Wissenschaftsministerium, „können im Augenblick Rundfunk und Fernsehen noch nicht beteiligt werden“.

Mit seiner Hochschule verfolgt Rau vor allem drei Ziele. Er will erstens die bestehenden überfüllten Universitäten entlasten. Allein in Nordrhein-Westfalen müssen in den nächsten Jahren für 90 000 weitere Studenten Plätze geschaffen werden. Ob die Fernuniversität jedoch tatsächlich die quantitative Hochschulmisere vermindern kann, ist fraglich. Denn das Studieren zu Hause ist, im Gegensatz zum Präsenzstudium an der Hochschule, für wissenschaftlich unerfahrene Anfänger kaum möglich. Erst der im Umgang mit wissenschaftlichen Methoden geübte ältere Student dürfte in der Lage sein, allein und ohne die beständige direkte Hilfe von Hochschullehrern in diesem System zu bestehen.