Von Jürgen Dahl

Bei Nachrichtensendungen wird der Inbegriff der Scheininformation dort erreicht, wo zum abertausendstenmal ein eleganter Herr mit Aktenkoffer einem Auto der Luxusklasse entsteigt und in einem Portal verschwindet: das nichtssagende Bildkürzel für jede beliebige Konferenz. In den wissenschaftlichen Sendungen des Fernsehens gibt es ein ähnliches Schlüsselbild, freilich mit anderer Bedeutung: der Mann im weißen Kittel, der hinter einem Mikroskop oder vor einer Bücherwand sitzt und ein sogenanntes Statement abliefert; eine etwas dramatischere Variante verläuft so, daß er auf ein großes Gebäude zu schlendert, sich an dessen Eingangstür ruckartig umdreht und wie auf Kommando druckreife Sätze von sich gibt, wobei die Kamera mit dezentem Schwenk das Schild einfängt, auf dem der Name des Instituts zu lesen ist.

Wissenschaft im Fernsehen ist nicht denkbar ohne solche Statements, und manchmal wäre sie ohne diese auch gar nicht erträglich; denn im Statement kommt die Wissenschaft im Fleische zu uns, die reine Lehre darf sich ohne störende Bilder darstellen, dem Ernst der Sache kommt kein Regie-Einfall verquer. Doch trügt der Schein. In Wahrheit tritt nämlich zugleich mit dem Statement das ungeschriebene Gesetz in Kraft, wonach es nie länger dauern darf als fünfzig Sekunden; was darüber ist, gilt als Sünde wider die Kurzweil. Weil aber kein Experte willens und imstande ist, seine Botschaft auf fünfzig Sekunden zu komprimieren, hilft man sich damit, die Experten zunächst sprechen zulassen, was sie wollen, und davon dann übrigzulassen, was die Regie will. Das Statement ist in aller Regel ein seines Kontextes beraubtes Zitat, und eine gewisse Spannung gewinnt es nur aus dem Umstand, daß man fast immer spürt: der Mann hat ja noch weitergeredet, man hat ihm das Semikolon angesehen.

Wenn einer einmal ausreden darf, dann beginnt sich, von Viertelminute zu Viertelminute, das aufzubauen, was ja der Nutzeffekt solchen optisch belegten Zitierens sein soll: eine Beziehung des Zuschauers zu dem, der da redet, ein Verständnis, das über das akustische Verstehen (und über das stets geforderte blitzschnelle Begreifen knapper Kernsätze) hinausgeht. Teilnahme, Teilhabe sind von einer Mindestdauer des Kommunikationsvorgangs abhängig. Im Vorbeigehen läßt sich nur ein Eckchen des Zipfels des Kittels des Experten erhaschen.

Auf der Ebene der Sachen gibt es ähnliche Schlüsselbilder für das Jonglieren mit Faktentrümmern und Informationsfetzen. Sendungen mit wissenschaftlichen Themen haben es ständig mit Untersuchungsvorgängen, Beobachtungsapparaturen, Analyseverfahren und Meßvorrichtungen zu tun, also mit der Methodik, mit deren Hilfe die Ergebnisse gewonnen werden. Auch hier fällt eine Art von freischwebendem Statement vor: die Feststellung, daß es die und die Methodik gibt. Hübsche Mädchen hantieren mit Glaskolben oder drehen an Knöpfen, es flackert und tickt und brummt, und dann kommt, o Wunder der Technik!, aus einem großen Kasten ein Papierstreifen mit Kurven. Die Frage, wie das eigentlich funktioniert, bleibt unbeantwortet, das weitverbreitete Interesse am Detail bleibt unbefriedigt, man muß sich mit der reinen Zauberei begnügen.

Wenn beispielsweise die Zusammenhänge zwischen dem Hören von Musik und den vegetativen Funktionen des menschlichen Körpers gezeigt werden sollen, dann sieht man Karajan mit Meßinstrumenten auf dem Rücken, man sieht eine Probandin mit Elektroden am Körper, man sieht einen selbstschreibenden Apparat, der synchron zur Musik Kurven von sich gibt; man erfährt, daß die Kurven Hirnströme, Blutdruck und Puls anzeigen – aber wie jene Zusammenhänge nun im einzelnen aussehen, das wenigstens an einem Detailbeispiel genauer zu erfahren, bleibt dem Zuschauer versagt. Er wird abgefertigt mit dem bilderreichen Hinweis, daß hier geforscht wird und daß die Kaufhäuser ja längst schon die stimulierende Wirkung der Musik erkannt hätten.

Einsicht und Anstoß zum Nachdenken sind so einfach nicht zu haben, eher findet hier eine immerwährende Vertröstung statt. Sie wird dadurch schmackhaft gemacht, daß die lebenden Bilder schneller wechseln, als ihr Mangel an Leben dem Zuseher auffallen kann. Was dem Statement zustößt, trifft auch die Darstellung von Vorgängen aller Art: Sie werden nach dramaturgischen Faustregeln gestückelt, bis hinter den Sächelchen die Sache selbst unkenntlich wird.