Von Hermann Bößenecker

Das im letzten Jahr von den Firmen Siemensund Philips sowie der französischen Compagnielnternationaled’lnformatiqne(CII) geschlossene europäische Computer-Bündnis hat jetzt den Koordinationsgesprächen in der Branche weltweit neuen Auftrieb verschafft. Hatte es noch vor einigen Monaten den Anschein, als verfolgten die mit dem Giganten IBM konkurrierenden amerikanischen Rechnerproduzenten wie Sperry Rand mit der Division Univac, Honeywell (in Europa: Honeywell-Bull) und Control Data Corp. (CDC) das Zusammenwachsen des kontinentaleuropäischen Computer-Trios mit interessierter, aber abwartender Distanz, so macht sich nun offensichtlich bereits ein Stimmungsumschwung bemerkbar. Die drei „Unidata“-Partner gelten heute für andere Unternehmen als ernsthafter Kristallisationspunkt einer gegen IBM gerichteten Sammlungsbewegung.

In der Branche spricht man bereits von einem Brief von Sperry Rand an Siemens, in dem ein erstes, natürlich noch ganz unverbindliches Kooperationsangebot an die Unidata enthalten sein soll. Noch im Herbst letzten Jahres hatten sich die Bosse von Sperry Rand recht reserviert gezeigt, als sie nach ihren Vorstellungen zu diesem Thema gefragt wurden.

Inzwischen hat die Europäische Kommission in einem sehr instruktiven Memorandum über die „Politik der Gemeinschaft auf dem Gebiet der Datenverarbeitung“ eine Position bezogen, die man uneingeschränkt bejahen kann. Gefordert wird eine leistungsfähige eigenständige Computer-Industrie in Europa, die von den Regierungen großzügig finanziell unterstützt werden müsse. Eine Konzentration der Kräfte über die nationalen Grenzen hinweg sei der „einzige Weg, in entsprechende Größenordnungen vorzustoßen“. Die „Unidata“ wird als erster wesentlicher Schritt in diese Richtung begrüßt. Europa darf in dieser Zukunftsbranche, die in wenigen Jahren zur „dritten Weltindustrie“ – neben Automobilprowird, nicht ins Hintertreffen geraten.

Die EG-Kommission macht jedoch deutlich, daß sie jeden europäischen Computer-Nationalismus als verfehlt ansieht. Um erfolgreich und wettbewerbsfähig zu sein, müsse ein Unternehmen der Datenverarbeitungs-Industrie zu den „großen fortgeschrittenen Märkten der Vereinigten Staaten und Japans vordringen und dort Zutritt haben“. Kooperationsabkommen mit nicht marktbeherrschenden außereuropäischen Unternehmen – also allen außer IBM – seien eine Möglichkeit dazu.

Doch solche transatlantischen Partnerschaften, darauf legen die Brüsseler Förderstrategen den größten Wert, könnten für Europa nur dann fruchtbar sein, wenn sie auf einem wirklichen Gleichgewicht beruhen. Welche Risiken mit derartigen Kooperationsabkommen verbunden sind, hatte Siemens erfahren müssen, als ihr im Herbst 1971 die Radio Corporation of America (RCA) praktisch über Nacht den knapp sieben Jahre, vorher geschlossenen Vertrag aufkündigte – weil die RCA selbst beschlossen hatte, sich aus dem kommerziellen EDV-Geschäft zurückzuziehen. Siemens mußte sehr schnell schalten, um nachteilige Folgen für das eigene Geschäft abzuwenden und die Kunden zu beruhigen. Unverzüglich leitete man Gespräche mit den Konkurrenten in Europa ein, um einen Ersatz für den aufgelösten atlantischen Bund zu schaffen und die europäische Basis zu stärken.