Egon Bahr brachte für drei deutsche Industrie-Manager wichtige Nachrichten aus Moskau mit. Kurz nach der Rückkehr von seinen Verhandlungen im Kreml bestellte der Sonderminister Salzgitter-Chef Hans Birnbaum, Krupp-General Ernst-Wolf Mommsen und den Baden-Badener Stahlunternehmer Willy Korf zu sich, um ihnen eine Einladung der Sowjets zu einem Blitzbesuch nach Moskau zu überbringen. Zweck der für diesen Mittwoch angesetzten Abstecher: die nur langsam vorankommenden Verhandlungen über den Bau eines kombinierten Hüttenwerks in Kursk durch das Konsortium Salzgitter-Krupp-Korf aus der Krise herauszuführen.

Ob das Drei-Milliarden-Projekt verwirkliche werden kann, hängt davon ab, ob sich Deutsche und Sowjets über die Finanzierung einigen können. Die Russen bestanden bisher auf einem Kreditzins von etwas mehr als sechs Prozent; das gegenwärtige Marktzinsniveau liegt dagegen bei mindestens elf Prozent. Bei seinen jüngsten Gesprächen im Kreml hat Bahr den Russen offenbar zu verstehen gegeben, daß Bonn nicht – wie Moskau insgeheim hoffte – daran denkt, die Zinslücke durch Subventionen von mehreren hundert Millionen Mark zu schließen. In ihren Hoffnungen wurden die Russen durch gelegentliche Äußerungen – namhafter Politiker bestärkt, die die Möglichkeit einer finanziellen. Unterstützung aus dem Bundesetat nicht völlig aufschlossen.

Die deutschen Industriellen hoffen jetzt, ihren Gesprächspartnern klarmachen zu können, daß der hohe Zins durch den niedrigen Preis des deutschen Konsortiums aufgewogen werde. Offenbar neigen die Russen ihrerseits dazu, das größte deutsch-sowjetische Industrieprojekt aller Zeiten durch „Zerlegung“ in kleinere Komplexe vor allem für die Finanzierung handlicher zu machen. Für die Russen dürfte dabei der Bau einer Erz-Direktreduktionsanlage nach dem von Korf verwendeten Verfahren Prioritat haben. Eg.