Die Gründe für den Streit zwischen Washington und Paris

Von Marion Gräfin Dönhoff

Krieg zwischen Europa und Amerika", so lautet der Titel eines Buches, das zur Zeit ein amerikanischer Journalist schreibt. Vor kurzem wäre ein solcher Beitrag zur political fiction der allgemeinen Gefühlslage noch so fern gewesen, daß sich wohl kaum ein Verleger für ein solches Werk hätte finden lassen; heute dagegen kann man sich durchaus vorstellen, daß es ein Bestseller werden wird.

Noch haben wir in der Bundesrepublik den Schreck, daß die Franzosen uns vor die Wahl Paris oder Washington stellen wollen, nicht überwunden, da wird ganz Europa von Präsident Nixon persönlich mit der Alternative konfrontiert: Washington oder Paris. Und dies auch noch in ultimativer Form: "Entweder Ihr setzt Euch mit den Vereinigten Staaten zusammen und beratet über Zusammenarbeit, nicht nur an der Sicherheitsfront, sondern auch im Hinblick auf Politik und Wirtschaft und entscheidet Euch fürs Zusammengehen oder unsere Wege trennen sich."

Man könnte wirklich meinen, es seien übermütige, kraftstrotzende Sieger, die sich da voreinander aufspielen und sich mutwillig gegenseitig herausfordern, als gäbe es keinerlei Sorgen und sonst nichts zu tun. Dabei wissen sie alle miteinander noch nicht, in welcher Weise sie die nächsten neun Monate überstehen werden:

Ob Nixon dann noch Präsident sein wird, steht gar nicht fest. Wer in England regieren wird, ist ganz und gar ungewiß, desgleichen ob das Land Mitglied der Europäischen Gemeinschaft bleibt, sicher scheint nur, daß Inflation, Verschuldung und womöglich auch Arbeitslosigkeit während dieser Zeit zunehmen werden. In Frankreich betrug das Handelsdefizit im Februar 1,5 Milliarden Franc, die Preise sind in den letzten drei Monaten um drei Prozent gestiegen, und allenthalben macht sich soziale Unruhe bemerkbar; der Figaro meint, daß die Zeit der verhältnismäßigen Ruhe nun zu Ende sei. Was aus Italien wird, weiß kein Mensch, und Bonn kann mit Sicherheit auch nur darauf rechnen, daß die Hamburger Wahlen nicht die einzigen sein werden, die die Regierung in diesem Jahr verliert.

Das alles wäre weiß Gott Grund genug, für die Verantwortlichen diesseits und jenseits des Atlantiks, alles Trennende zu begraben und die schwachen Kräfte zu vereinen, um mit den Schwierigkeiten fertig zu werden, Aber wie gewöhnlich sind es gar nicht die Gegebenheiten, die Tatsachen, die die Probleme aufwerfen, sondern vielmehr selbstgestrickte Vorstellungen. So ist einfach nicht einzusehen, warum Europa seine Identität nur ohne Amerika finden können soll und nicht gemeinsam mit den Amerikanern; und daß man zwischen Washington und Paris wählen müsse – auch diese Forderung beruht auf einer Fiktion und nicht auf Fakten.