Die glänzenden Erfolge der großen Touristikunternehmen sind häufig auch Verdienst und Existenzbasis kleiner Reiseveranstalter, Wenn ein Großer sein Operationsgebiet ausdehnt oder eine Lücke im Angebot schließt, muß oft ein Kleiner darunter leiden. Beispiel: Alltouristik, vordem Spezialveranstalter für Bulgarien, mit jährlich ungefähr 1500 Goldstrandurlaubern. Das Frankfurter Unternehmen lebte von der schwerfälligen Buchungsbürokratie der übermächtigen Konkurrenz, solange die nicht selbst aufgeweckt worden war ...

Das war wohl so – Alltouristik-Chef Bruno Gemünd: „Vor einigen Jahren war die Schwarzmeerküste bei den Großveranstaltern im Februar ausgebucht. Aber bei uns gab’s immer noch ein Bett, und wir konnten einmal in der Woche nach Varna fliegen. Doch dann kauften die Großen plötzlich Überkapazitäten ein und warben um Spätbucher und Kurzentschlossene.“

Das kleine Unternehmen wurde an die Wand gedrückt. Alltouristik brauchte eine neue Idee, um zu überleben. Einen Ansatz dazu gab es schon, Kurzflüge nach Budapest mit etwa 2000 Reiseteilnehmern im Jahr. Darauf baute der Veranstalter seine künftige Aktivität auf. Die neue Strategie war einfach. Wenn sie sich erst einmal bewährt hatte, konnte jeder beliebige Touristikunternehmer sie nachahmen. Gemünd: „Wir waren wohl die ersten, die Charterketten für Kurzflüge eingerichtet haben.“ Er hatte doppeltes Glück. Im ersten Jahr (1971) gewannen Flugreisen von drei oder vier Tagen nach Budapest durch die Weltjagdausstellung an zusätzlichem Interesse. Und überhaupt half der Trend zur Zweitreise dem Angebot auf die Sprünge.

Auf den Flügeln von Alltouristik (mit BAC 1-11 der Germanair) flogen organisierte Weidmänner, Industrie- und Handelskammern, philharmonische Orchester, Männergesangvereine, Tischtennisklubs, Fußballvereine, Landfrauenverbände, Handwerkerinnungen, Architektenverbände, Volkshochschulen und Hunderte von Kegelvereinen (Freiplätze für Gruppenleiter). Zwei Maschinen sind zur Saisonzeit im Mai und Juni sowie September und Oktober ständig unterwegs. Zu den Abflughäfen Frankfurt und Düsseldorf kommen in diesem Jahr Nürnberg, Köln, Hamburg und Hannover hinzu. Alltouristik hat außerdem auf Chartermaschinen nach London, Rom und Mallorca Platzkontingente für jeweils 30 bis 50 Gäste, am Ort aber eigene Busse, Reiseleiter und Programme – das ist Alltouristiks Stolz!

Der Veranstalter trachtet, sich durch die Einsatzfreudigkeit ausgesuchter und hinlänglich erprobter Reiseleiter (Gemünd: „Betreuung rund um die Uhr“) und die Qualität geselliger Programme wie Folkloreabende, Weinproben, Flußfahrten oder Zigeunermusikfeste zu profilieren. In diesem Jahr wird erstmals auch eine gesellige Kurzreise in die Vereinigten Staaten angeboten: eine Woche New York für rund 800 Mark. Die Budapest-Reise kostet 228 Mark, Prag 246 Mark und Istanbul 426 Mark (drei Tage, Halbpension, Ausflüge nicht eingeschlossen).

Der Erfolg bestätigte rasch den eingeschlagenen Kurs: Im ersten Jahr auf Anhieb 8000 Flugreisende nach Budapest, 2000 nach Prag, 2000 nach Istanbul. Diesen Stand hat die Firma auch in den folgenden Jahren halten können. Umsatz: rund zwei Millionen Mark. Der Erfolg macht aber, wie gehabt, die Konkurrenz mobil. Bruno Gemünd: „Zur Zeit stürzt sich alles auf London.“ Der Reisebürochef glaubt aber, daß er diesmal den Großveranstaltern gegenüber eine Chance hat: „Unsere individuellen Programme – die machen sie uns nicht nach.“ bo