Von Curt Gasteyger

Nur wenige Wochen, ein Atemzug in der Weltgeschichte, genügten, um der westlichen Industriegesellschaft das Ende einer Epoche ungebrochenen Aufstiegs und unerhörten Wohlstandes deutlich zu machen. Was sich an Kissen und Schwächen seit längerem abgezeichnet hatte, brach in den Herbstkrisen von 1973 explosionsartig auf. Heute schon steht fest, daß unter den Industriestaaten die Hauptbetroffenen dieser Ereignisse Europa und Japan sind.

Sie waren die bisher stets Verwöhnten, mannigfach gepolstert gegen äußere Erschütterungen. Für sie galt es als selbstverständlich, auch in Zukunft immer reicher und mächtiger zu werden. Die ansehnlich lange Reihe prosperierender Nachkriegsjahre sollte auch 1973 fortgesetzt werden.

Der Ost-West-Entspannung schienen nur Grenzen des guten Willens gesetzt zu sein. In der westlichen Welt kündigte sich eine vermehrte Pflege der von den USA vernachlässigten Beziehungen zu Europa und Japan an. Japans Aufstieg zu einer mit unerschöpflichen Währungsreserven ausgestatteten Wirtschaftsmacht überdeckte seine politisch-militärische Schwäche. Die Europäische Gemeinschaft präsentierte sich der Welt in erweiterter Besetzung mit neugewonnenem Selbstbewußtsein. Japan und Europa hoben sich zuversichtlich von einem Amerika ab, das sich außenpolitisch übernommen hatte und dessen Dollar zusehends an Wert, und Ansehen verlor.

Der Mittelost-Konflikt und die in seinem Kielwasser folgende Energiekrise haben diesem scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg ein abruptes Ende gesetzt. Das „Jahr Europas“ fand, wenn überhaupt, in Washington statt; und Japan ist dabei, seine These vom starken Yen und vom schwachen Dollar zurückzubuchstabieren. Die noch vor kurzem für sicher geltende Einsetzung Europas und Japans als gewichtige Pfeiler einer vorwiegend auf wirtschaftlicher Stärke gründenden weltpolitischen Neuordnung fand nicht statt. Das Richtfest mußte verschoben werden.

Fast schlagartig sehen sich Japan und Europa in ihrem mit Amerika geteilten Monopol des Reichtums bedroht. Die heute schon in astronomische Höhen kletternden Einkünfte der ölproduzierenden Länder werden sehr bald zu einer Verlagerung und Umverteilung von Reichtum und Währungsreserven führen. Ein Bericht der OECD in Paris läßt hierüber keinen Zweifel: der für 1974 auf zehn Milliarden Dollar veranschlagte Zahlungsbilanzüberschuß der OECD-Länder (Westeuropa, Nordamerika, Japan, Australien) wird durch die Explosion der Ölpreise in ein Defizit verwandelt werden. Die neuen Zentren des Reichtums werden fortan ein entscheidendes Wort bei Reform und Kontrolle des internationalen Währungssystems – bisher eine Domäne des exklusiven Klubs westlicher Länder – mitzusprechen haben.

Dabei werden die ehemals privilegierten Länder von der Krise verschieden stark betroffen. Sie sind in unterschiedlichem Maß verletzlich und druckempfindlich. Dadurch verringern sich zugleich die Aussichten für ihr Zusammenrücken und für eine Suche nach gemeinsamen Lösungen Es erhöht sich die Versuchung für nationale Alleingänge.