Eine Monotypie von Degas, aus der Serie der „maisons closes“, reproduziert in dem eben erschienenen Oeuvre-Katalog, der die gesamte bis heute bekannte Graphik enthält: 68 Radierungen und Lithographien, 201 Monotypien. Ein wichtiges, ein nützliches, ein ziemlich schockierendes Buch, das mit der verbreiteten Degas-Schwärmerei aufräumt. Zauber des Lichts, Anmut jugendlicher Tänzerinnen: das poetische Vokabular der Degas-Literatur soll man vergessen. Bezaubernd, wenn überhaupt, sind die Pastelle, bestimmt nicht die Monotypien. Der Zauber seiner pastellierten Tänzerinnen beruht auf „Entfernung und Schminke“, sagt Degas. Die Monotypie dient ihm als Instrument der Entzauberung. Die Frauen der „maisons closes“, mit und ohne Kunden, die Frauen in der Badewanne, bei der Toilette sind nah und ungeschminkt gesehen, vulgär und animalisch. „Das menschliche Tier, das mit sich selbst beschäftigt ist, eine Katze, die sich leckt“, erklärte Degas seinem Freund George Moore. Die meisten Monotypien sind zwischen 1875 und 1885 entstanden, in der Zeit, da das literarische Interesse an der Dirne kulminiert. Zola, Huysmans, Edmond de Goncourt schildern die Prostitution als Alternative zum bürgerlichen Dasein; Maupassants „La Maison Tellier“ erlebt in zwei Jahren zwölf Auflagen. Daß die Graphik von Degas mit der literarischen Mode zusammenhängt, ist nicht zu bestreiten. Aber die Blätter sind nicht als Illustrationen konzipiert, obgleich Vollard 1934 einige zusammen mit der „Maison Tellier“ veröffentlicht hat. Degas selber hat die Arbeiten selten ausgestellt; stets reagierte die Öffentlichkeit, auch die Presse, mit Entrüstung. Nicht aus moralischen Gründen; Nacktheit ist in Paris auch damals kein negatives Kriterium gewesen; aber man warf Degas vor, er habe „die verborgenen Aspekte der Frau verächtlich machen“ wollen und damit gegen ein künstlerisches Tabu verstoßen. Die Textbeiträge bringen eine Menge unbekanntes Material. (Jean Adhemar / Françoise Cachin: „Degas – Radierungen, Lithographien, Monotypien“; Französische Impressionisten, Band 2; Hirmer Verlag, München, 1973; 66 Seiten Text, 200 Tafeln mit 268 Abbildungen, 20 Farbtafeln; Oeuvre-Katalog, 88,– DM.)

Gottfried Sello