Erwin Lichtenstein: „Die Juden der Freien Stadt Danzig unter der Herrschaft des Nationalsozialismus“; Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Instituts, Bd. 27; J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1973; XIII, 242 S., 59,– DM.

Danzig stand unter Aufsicht des Völkerbundes, aber die Lebensumstände seiner Juden waren kaum besser als im Deutschen Reich. Die jüdische Synagogen-Gemeinde, die 1933 rund 11 000 Mitglieder zählte, stand seit der Wahl zum Danziger Volkstag am 28. Mai 1933, die der NSDAP die absolute Mehrheit gebracht hatte, in einem ständigen Kampf mit dem Senat, der zwar zunächst nicht gesetzlich gegen die Juden vorging – daran hinderte ihn die Garantie des Völkerbundes für die Einhaltung der Verfassung –, sie tatsächlich aber aus dem staatlichen Leben verdrängte. Für die weitreichende Diskriminierung im öffentlichen Leben lehnte er nicht nur jede Verantwortung ab, sondern er zeigte sich auch nicht willens, Übergriffe der Partei zu unterbinden.

Alle Proteste der jüdischen Gemeinde beim Senat stießen ins Leere oder wurden mit vagen, nie eingehaltenen Versprechungen beantwortet. War Senatspräsident Hermann Rauschning, der später im Exil das erste enthüllende Buch über Hitler schrieb, vielleicht verbindlicher in der Form, konkret tat er für den Schutz der Juden ebenso wenig wie sein Nachfolger Arthur Greiser. Als die Behinderungen immer stärker wurden, wandten sich die Danziger Juden an den Völkerbund, doch vergebens.

Der Rat des Völkerbundes wich schließlich vor den Danziger Nationalsozialisten zurück. Der Senat erzwang praktisch den Rücktritt des Hohen Kommissars Sean Lester, und die Ernennung Carl Jacob Burckhardts markiert die Kapitulation des Völkerbundes, war sie doch verbunden mit dem Verzicht auf die Kontrolle über die Einhaltung der Verfassung. Von nun an fühlte sich der Rat des Völkerbundes nur noch für die Garantie des völkerrechtlichen Status der Freien Stadt verantwortlich; der Senat hatte freie Hand, unter Verletzung der Verfassung Minderheiten zu diskriminieren.

Die Danziger Juden hatten zunächst auf die Bedrängung ähnlich reagiert wie überall in Deutschland, nämlich mit einer Besinnung auf die Werte jüdischen Geisteslebens und jüdischer Tradition. Die Gemeinde gründete ein eigenes Schulwesen, ein Kulturbund wurde ins Leben gerufen, Theateraufführungen und Vorträge jüdischer Gelehrter wurden veranstaltet, die jüdischen Sportvereine gewannen an Zulauf. Dieses Erstarken innerjüdischen Lebens konnte jedoch über die sich verschlechternden äußeren Bedingungen nicht hinwegtäuschen.

Die Auswanderung war erschwert, weil die Juden nicht als Verfolgte aus rassischen Gründen galten, standen ihnen in Danzig doch formal alle Rechte zu. Angesichts dieser Behinderung entschlossen sich die Mitglieder der Gemeinde Anfang 1938, als der Senat auch erste Gesetze gegen die Juden erließ, geschlossen nach Palästina auszuwandern. Zur Beschaffung der erforderlichen Mittel verkaufte die Gemeinde alle in ihrem Besitz befindlichen Grundstücke und Gebäude samt der Synagoge an den Staat zum Mißbehagen weiter jüdischer Kreise im Ausland. Tatsächlich konnte eine erste Gruppe von 400 Personen im März 1939 Danzig verlassen; nach langer Irrfahrt erreichten sie ihr Ziel. Eine zweite Gruppe, deren Ausreise noch im August 1940 möglich wurde, hatte weniger Glück: die britischen Behörden fingen das Schiff ab und leiteten es nach Mauritius.

Bei dieser Auswanderung zeigte sich der einzige Vorteil Danzigs gegenüber den Gemeinden im Deutschen Reich, denn immerhin konnte bis 1941 der größte Teil der Gemeinde Danzig verlassen, ohne indessen damit endgültig in Sicherheit zu sein. Viele, die sich gerettet glaubten, fielen schließlich in ihren Gastländern in die Hände der Mörder. Wer bis 1941 Danzig nicht verlassen konnte, teilte ihr Schicksal und wurde nach Auschwitz und Theresienstadt deportiert. 1943 lebten noch 22 Juden in Danzig – der Rest einer einst blühenden Gemeinde.

Erwin Lichtenstein, selbst lange Jahre als Syndikus im Dienst der Synagogen-Gemeinde, schildert dieses Zerstörungswerk nach eigenem Erleben an Hand der geretteten Akten der Gemeinde. Ein umfangreicher Dokumentenanhang ergänzt die Darstellung. Manche Fragen bleiben offen, so die nach der sozialen Schichtung der Gemeinde. Eines jedoch wird deutlich: Die Juden mußten auch unter dem Nationalsozialismus nicht von Staats wegen verfolgt werden; die Duldung und Förderung der in der Bevölkerung vorhandenen antisemitischen Strömungen und Affekte genügte, um den jüdischen Mitbürgern das Leben zur Qual zu machen. Werner Johe