Warschau, im März

Auf der Rückreise aus Bangladesch machte der polnische Außenminister in Moskau Station. Stefan Olszowski wollte erfahren, wie man dort die Besuche des Bonner Sonderministers Bahr und des französischen Staatspräsidenten Pompidou beurteilt. Denn davon hängt größtenteils ab, ob Warschaus Arrangement mit Bonn doch noch bis zum Frühsommer abgeschlossen, ob es auf den Herbst vertagt oder ganz abgesagt wird. Mehrere Gründe hatten Moskau veranlaßt, den Ausgleich zwischen Polen und Westdeutschen zu stoppen:

Die sowjetische Führung wurde zu einer Neuauflage ihrer alten Differenzierungspolitik verlockt, weil die Alleingänge Frankreichs und sein demonstrativer Anti-Amerikanismus, weil auch die innere Schwäche Englands und die Bildung einer "europafeindlichen" Regierung in London den westlichen Zusammenhalt schwächten.

Das EG- und Nato-treue Bonn hingegen wird vom Kreml zunächst kurzgehalten. Ihm wurde zwar der überfällige Austausch ständiger Vertretungen mit der DDR zugestanden (die Verzögerung war für den Osten schon peinlich geworden); doch der große ostpolitische Erfolg einer Verständigung mit Polen, gekrönt mit einem Besuch des Parteichefs Gierek in Bonn, wurde erst einmal versagt.

Dies fiel der Sowjetregierung um so leichter, als sich die polnische Führung eine Blöße gegeben hatte: Ihr Arrangement mit der Bundesregierung ließ sich als "Menschenhandel" denunzieren.

Die Desintegration im Westen, aber auch die sowjetisch-chinesische Konfrontation gebietet eine verstärkte Integration in Osteuropa. Die Polen mußten hier ohnehin ein Nachholpensum erfüllen. Sie hatten sich zwar niemals Extravaganzen geleistet, doch ihr Eifer bei der Unterstützung der Blockpolitik war nicht immer der größte.

Breschnjew möchte aber selber alle Fäden in der Hand haben – vor allem, um im Sommer seinen wichtigsten Partner, Richard Nixon, in starker Position empfangen zu können. Der erste, Mann Amerikas, neben sich ein uneiniges, eigene Interessen verfolgendes Westeuropa; der erste Mann der Sowjetunion, hinter sich ein geschlossenes Bündnis und in besten Beziehungen zu den Hauptmächten Westeuropas – das ist die Idealvorstellung im Kreml. Dem entspricht auch der Reisekalender. Nach Moskau kommen die Westbesucher Bahr, Pompidou, Kissinger, Brandt, Nixon, vielleicht auch Wilson; in Warschau erscheinen die östlichen Politiker: in der letzten Woche der tschechoslowakische KP-Chef Husák und – vermutlich im Mai – der SED-Chef Erich Honecker. Edward Gierek hingegen wird nach Amerika und wahrscheinlich in die Bundesrepublik erst fahren, wenn Nixon und Brandt in Moskau gewesen sind.