In Brasilien ist am Freitag voriger Woche der 65jährige Ernesto Geisel als brasilianischer Präsident vereidigt worden. Die Zeremonie fand unter strengen Sicherheitsmaßnahmen statt: die Kontrolleure verweigerten sogar dem neuen Industrieminister, einem aus Japan stammendem Brasilianer, wegen seines „fremden“ Aussehens den Zutritt. Ehrengäste waren die drei Staats- bzw. Regierungschefs Pinochet (Chile), Banzer (Bolivien) und Bordaberry (Uruguay). Die Vereinigten Staaten wurden durch Patricia Nixon und den stellvertretenden Leiter des CIA vertreten.

Geisel, erster protestantischer Präsident des größten katholischen Staates, wegen seiner deutschen Abstammung „Preuße“ genannt und dank seines korrekten, etwas steifen Auftretens beim Volk wenig beliebt, ist der vierte Militärpräsident. Ein Spottvers sagt von ihm: „Er redet so wenig, weil er so viel zu sagen hat“. Über seine Absichten ist kaum etwas bekannt. Gerade seine streng legalistische Argumentation hat aber (wieder) Hoffnungen geweckt, daß mit ihm eine Ära größerer politischer Freiheit beginnt, daß zumindest auf strengere Einhaltung der formell noch gültigen Gesetze geachtet wird.

In der Wirtschafts- und Sozialpolitik soll, nach zwei spärlichen Äußerungen Geisels, der bisherige Kurs-Wachstum um jeden Preis durch hohe Auslandsverschuldung – beibehalten werden, der Verteilung des wachsenden Sozialprodukts (80 Prozent der Bevölkerung haben von dem Boom nichts gespürt) jedoch mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Dasselbe gilt für die lange vernachlässigte Landwirtschaft.

Die „Technokraten“, die ihren Anteil in der neuen Regierung auf Kosten der Militärs vergrößern konnten, deuteten an, daß die Ölkrise Brasilien zwingen könne, früher als gewünscht vom Expansions- auf Distributionskurs umzuschalten.

Geisel hat zwar erkennen lassen, daß er sich in seinen Entscheidungen nicht beeinflussen läßt. Die langen Unterredungen mit Abgeordneten, so hieß es in Brasilia, zeigen aber, daß das Parlament künftig wenn nicht entscheiden, so doch beratend mitwirken dürfe.