Seine Eindrücke von der Diskussion sozialdemokratischer Abgeordneter mit den Schriftstellern Böll, Grass und Troll schildert Hartmut Jäckel. Er ist Professor für Politische schenschaften in Berlin und Mitglied der sozialdemokratischen Wählerinitiative.

Etwa einhundertzwanzig Abgeordnete der SPD-Fraktion des Deutschen Bundestages waren gekommen, um sich anzuhören, was drei prominente Mitglieder der "Sozialdemokratischen Wählerinitiative" aus "kritischer Sympathie" zu sagen hatten. Damit wiederholte sich ein Vorgang, der bei den anderen Bundestagsparteien noch immer ohne Parallele ist: Außenstehende, die nicht einmal Parteimitglieder sind, werden in eine Fraktionsdebatte über Zustand und Perspektiven, Krisenmanagement und Führungsprobleme der Gesamtpartei aktiv miteinbezogen.

Die Diskussion, die bis Mitternacht dauerte, fand hinter geschlossenen Türen statt. Zunächst sah es so aus, als wolle das Auditorium an den gegebenen Anstößen nur seinerseits Anstoß nehmen: Es stellte richtig, forderte mehr Konkretheit, tadelte unpolitische Distanz zu angeblichen Realitäten. Dann halfen die Abgeordneten Gansel, Huonker und Rolf Meinecke der Diskussion auf die Sprünge. Sie war von drei Themen beherrscht: Sachprogramm – Selbstdarstellung – Solidarität.

Kontrapunktische Standorte wurden markiert. "Wir haben in vielen Bereidien (namentlich dem ökonomischen) keine Antworten"; das mache jede Geschlossenheitsparole "völlig irreal". Philip Rosenthal beschwor fast melodramatisch die Solidarität als Gebot der Stunde, nannte Namen – auch den Wehners – und ließ sich selbst nicht ungerügt. Bruno Friedrich stieß später nach. Er sprach zugleich von den "funktionalen Schwächen des demokratischen Systems" und den "vergessenen Lektionen dieser Partei".

Gegen zehn Uhr ging noch einmal Willy Brandt an eines der Saalmikrophone. Rhetorisch kraftvoll und konzentriert, fast beschwörend appellierte er an die Genossen, die Grenzen der Wirksamkeit von Regierungen zu erkennen: "Wir müssen Politik machen unter dem Druck von Faktoren, auf die wir keinen Einfluß haben." Die "unendliche Schwierigkeit der ökonomischen Tatsachen" gelte es in Rechnung zu stellen, ehe die Reformvorhaben in diese Rechnung einbezogen werden könnten. Dies wurde ohne Anflug von Resignation gesagt.

Die Grundhaltung Willy Brandts, im fünften Jahr seiner Kanzlerschaft, ist mehr denn je die des nachdenklichen, gegenläufige Argumentationsfronten geduldig musternden Realisten, der Ulf das verheißungsvolle Wort, die beruhigende Geste am liebsten ganz verzichten würde. Hier kann er sich solchen Verzicht leisten, kann auf die von ihm als bedrückend empfundene Enge seines Handlungsspielraumes hinweisen, ohne in den Verdacht zu geraten, er wolle Verantwortung abwälzen, für eine defizitäre Bilanz ein Alibi suchen.

Und doch – wäre etwas mehr Schonungslosigkeit im Umgang mit der Öffentlichkeit nicht lohnend, ist sie auf lange Sicht überhaupt zu umgehen? Talleyrand hatte die Frage, ob uneingeschränkte, selbst die Hilflosigkeit nicht verbergende Offenheit dem handelnden Politiker möglich ist, ob sie ihm einen Zuwachs an Prestige und Vertrauen beschert, entschieden verneint. Aber gilt diese Antwort heute noch? Hätte nicht, um ein Beispiel zu nehmen, das in der Fraktion die Gemüter erhitzte, der Streit um die Höchstgeschwindigkeit, durch eine rückhaltlose Darlegung der kreuz und quer laufenden Interessen und interner Dispute entschärft und vielleicht gar zu einem Achtungserfolg der Regierung ausgemünzt werden können?