Sie ist eine besonders leise und unauffällige Person, und sie hat ein besonders leises Buch mit dem unauffälligen Titel „Die Brüder Löwenherz“ geschrieben: Astrid Lindgren. Doch mit diesem Buch hat sie es verstanden, die ganze Kinderbuchszene Schwedens in Aufruhr zu bringen und in den Mittelpunkt erbitterter Debatten um Tod, Sozialdemokratie, Hexen und die politische Stellung des (Kinder-)Schriftstellers zu geraten – Debatten, wie sie bei uns so auch durchgekämpft werden könnten, wenn Westdeutschland seine Kinderliteratur so wichtig nähme, wie die Schweden es tun, die ihre Grundsatzschlachten in der Öffentlichkeit aller großen Tageszeitungen austragen.

Was in Schweden geschehen ist, besitzt über die Tatsache hinaus, daß Astrid Lindgren seit gut zehn Jahren bei uns – zusammen mit dem Deutschen Otfried Preussler – die höchsten Auflagezahlen erreicht und den höchsten Bekanntheitsgrad besitzt, eine fast exemplarische Bedeutung für die Situation auch der hiesigen Kinderliteratur.

Denn in Schweden hat sich während der Auseinandersetzung gezeigt, daß eine Diskrepanz entstanden ist zwischen den Konsumenten der Kinderliteratur und denen, die auf Grund von sozialpädagogischen und politischen An- und Einsichten genau zu wissen meinen, welche Bücher den Kindern (welcher Schichten) gemäß sind und welche sie deshalb nicht nur lesen oder ablehnen, sondern auch gern lesen oder nicht verstehen.

Die Ansichten dieser Theoretiker, in Schweden ist es die „Kinderbuchgruppe“, eine literarwissenschaftliche Studentengruppe der Universität Göteborg, die sich offenbar mehr auf marxistische Theorien als auf die Natur und die Lese- und Lebenssituation von Kindern stützen, haben jedoch auch die professionellen Kinderbuchkritiker Schwedens so beeindruckt, daß diese nur verstohlen zugeben, wie spannend sie Lindgrens Roman gefunden hätten, und sich dann beeilen, die Kritik der „Kinderbuchgruppe“ für die Allgemeinheit verständlich umzuformulieren: „Die Kritik“, schreibt P. C. Jersild in „Dagens Nyheter“, „stellte fortschrittliche Maßstäbe darüber auf, daß man die Kinder nicht lehren dürfe, die Umwelt schwarz-weiß oder gut-böse zu verstehen – und auch darüber, daß Selbstmord als Flucht nicht geduldet werden dürfe (jedenfalls nicht bei Kindern). Ferner soll man die Wahrnehmung der Wirklichkeit bei Kindern nicht dadurch stören, daß man Märchen und Wahrheit vermischt.“ Deshalb müsse man fragen: „Wo steht A. L. politisch? Weiß sie, was sie tut? Schreibt sie mit dem Magen oder mit dem Kopf? Falls letzteres der Fall sein sollte, handelt es sich dann um einen sozialdemokratischen oder einen Zentrumskopf, einen Kommunistenschädel oder einen Glistrupschädel – oder um was?“

Das wird dann wieder eingeschränkt: „Derartige Untersuchungen (über die Wirkungsweise von Kinderliteratur) sind sehr schwierig und müssen mit Achtung vor dem Kunstwerk, mit Weitblick und vielleicht auch mit ein wenig Humor durchgeführt werden. Sonst besteht die Gefahr, daß man sich in eine Art Oberster Sowjetkommission für sozialrealistische Kinderliteratur verwandelt.“

Der Schluß ist jedoch wieder so „progressiv“ formuliert, daß der vermutlich ältere Kritiker vor der Gruppe der jungen Politpädagogen bestehen kann: „Da A. L. eine Hexe ist, hat sie das Buch nicht mit Warnschildern versehen. Deshalb ist es nötig, daß man die Hexen im Zaume hält, indem man auf die Tür des Pfefferkuchenhäuschens das Kreuz oder Hammer und Sichel malt.“

Was für ein Buch ist es, das die Männer in Schweden so aus der Fassung bringt, daß sie Astrid Lindgren mit mittelalterlichem Atavismus zur Hexe erklären, klassischer erster Schritt zur Diffamierung derer, gegen die man sich mit keinem anderen Mittel zu wehren vermag?