Von Karl-Heinz Wocker

London, im März

Zweihundertsechsundneunzig Tories und vierzehn Liberale verzichteten darauf, der neuen britischen Labour-Regierung eine Niederlage beizubringen – schon jetzt, muß man hinzufügen. Möglich wäre es gewesen, denn zusammen verfügen sie über elf Sitze mehr als Harold Wilsons Partei. Ursprünglich waren es nur neun gewesen, aber Labour mußte zwei Stellvertreter für den Speaker abordnen. Bei derart hauchdünnen Mehrheiten zählt jeder Kopf. Die größte Oppositionspartei hielt jedoch den Zeitpunkt noch nicht für gekommen. Anlässe bieten sich ja fortan ständig, der nächste kommt bereits mit dem Staatshaushalt am Dienstag. Wilson droht jedoch für den Fall einer Niederlage im Parlament mit Neuwahlen, und die Opposition kann nicht sicher sein, sie zu gewinnen.

Die Tories warten also auf eine unpopuläre Handlung der Regierung, und paradoxerweise müssen sie deshalb Wilson eigentlich etwas Zeit lassen. Nicht zuviel, denn sonst läßt der Premier seinerseits neu wählen, ohne im Parlament geschlagen worden zu sein. Es beginnt also ein Duell ganz neuer Art, mit den gewohnten Teilnehmern, aber unerprobten Regeln.

Aber außer Regierung und Opposition werden im Unterhaus künftig noch siebenunddreißig Abgeordnete wichtig sein – die Schar der kleinen und kleinsten Gruppen. Neben den Liberalen, die trotz ihrer sechs Millionen Stimmen klein geblieben sind, und drei Ein-Mann-Fraktionen gibt es in Westminster elf nordirische Ultras, sieben schottische und zwei walisische Nationalisten. Es sind diese zwanzig Briten vom keltischen Rand, die zum Sand im Getriebe werden können.

Von den übrigen siebenundneunzig Prozent der Abgeordneten unterscheiden sie sich durch die regionalen Eigeninteressen, die sie verfechten. In einem zentralen Parlament hätten sie, strenggenommen, nichts zu suchen. Eine badische Volkspartei zum Beispiel, welche die Trennung der Schwarzwaldregion von Württemberg verlangte, wäre im Bonner Bundestag ähnlich deplaciert. Zumeist haben diese neugewählten britischen Föderalisten nicht nur keine Erfahrung in der Politik der Zentrale, sie kommen vielmehr mit dem Vorsatz, diese Politik in wesentlichen Punkten in Frage zu stellen.

Die Iren Paisley, Craig, West samt Mitkämpfern zum Beispiel wollen den Ulster-Konsensus der britischen Parteien unterlaufen und das Dreiecksabkommen zwischen London, Dublin und Belfast torpedieren, ehe es ratifiziert ist. Bisher konnten Tories, Labour und Liberale ungeachtet ihrer sonstigen Zwistigkeiten eine gemeinsame Nordirland-Politik wahren. Nun werden die elf sogenannten Loyalisten durch wechselnde Beistandsversprechen vor Unterhausabstimmungen versuchen, diese Front aufzubrechen.