Immer mehr Unternehmen verzichten auf die Ausbildung von Lehrlingen

Die Diskussion um die Reform der beruflichen Bildung scheint ein Ende zu nehmen, das noch vor Jahren unvorstellbar war. Jahrelang sah sich die Wirtschaft mit dem Rücken zur Wand in der Defensive, weil Mißstände in der Lehrlingsausbildung allzu offenkundig geworden waren. Eine Reihe überaus negativer Umfrageergebnisse brachte den Unmut der Lehrlinge zu Tage. 1969 schließlich verabschiedete die Große Koalition nach jahrelangem Tauziehen ein Berufsbildungsgesetz, das den gewandelten Zeitumständen gerecht zu werden schien.

Jetzt droht der Berufsausbildung die Auszehrung. Von einem Berufsausbildung der Wirtschaft ist die Rede und von „Ausbildungsmüdigkeit“. Die Öffentlichkeit wird aufgeschreckt durch Schlagzeilen wie „Diffamierte Ausbilder wollen nun nicht mehr“ oder „Lehrstellen werden zunehmend Mangelware“. Der Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels vermutet dahinter linke Strategie: „Gewissen Kreisen kommt die ‚Ausbildungsmüdigkeit‘ der Betriebe sicher sehr gelegen, weil man glaubt, so um so leichter die Systemveränderung vornehmen zu können.“

Auch die Bundesregierung macht sich Sorgen. Sie beobachtet, so Bildungsminister Klaus von Dohnanyi am 14. Februar im Bundestag, „die weitere Entwicklung des Ausbildungsplatz-Angebots besorgt. Das Datenmaterial ist zwar unvollständig, aber die Tendenz ist erkennbar.“

Der Minister führt den Angebots-Rückgang teilweise darauf zurück, daß ein Teil der ausbildenden Betriebe Qualitätsanforderungen des Berufsbildungsgesetzes nicht erfüllt hat und deshalb freiwillig oder auf Druck der überwachenden Kammern keine Lehrlinge mehr einstellt. Freilich: Unter den ausgeschiedenen Unternehmen befinden sich auch Betriebe, die bislang durchaus zufriedenstellend ausgebildet haben. Eben dies hat – Bonn mit der Reform der beruflichen Bildung, so von Dohnanyi, „nicht beabsichtigt“.

Noch im Berichtsjahr 1969/70 wurden den Arbeitsämtern 646 174 Lehrstellen zur Vermittlung angeboten. Dann ging es bergab: von 604 264 (1970/71) über 492 300 (1971/72) auf 371 400 (1972/73), Für 1973/74 deutet sich ein Rückgang auf rund 300 000 offene Lehrstellen an. Würde dieser Trend anhalten, fänden die Schulentlassenen des Jahrgangs 1976/77 keine Ausbildungsplätze mehr vor.

Diese amtlichen Zahlen reichen allerdings kaum aus, die These von der generellen „Ausbildungsmüdigkeit“ der deutschen Wirtschaft zu belegen. Denn in der gleichen Zeit ist die Zahl der Ausbildungsverträge, die von den Kammern registriert werden, etwa gleich geblieben. 1969 lag sie bei 1 283 454, sank in den beiden folgenden Jahren leicht ab (1 270 120 beziehungsweise 1 273 078), um dann 1972 wieder auf 1 302 751 anzusteigen. Für das vergangene Jahr schätzt Bonn die Zahl der Ausbildungsverträge auf rund 1 305 000.