Im Kalten Krieg wurden Kommunisten vom Papst exkommuniziert. Mittlerweile hat es eine kluge Kuriendiplomatie erreicht, den osteuropäischen Katholizismus aus der Isolierung zu befreien.

Von Hansjakob Stehle

Antiklerikalismus, schon etwas altertümlich geworden, kommt neuerdings wieder in Mode – bei Klerikalen. Schon tituliert ein Jesuit den römischen Pontifex respektlos mit „Herr Papst“, und ruft ihm auf der ersten Seite eines katholischen Blattes ein protestantisches Nein zu, weil Pauls VI. Ostpolitik geistliche Werte gefährde: Ob denn die Kirche „vom Wohlverhalten der Staaten oder von der Kraft des Heiligen Geistes“ lebe, fragte der wackere Pater Simmel anzüglich im Rheinischen Merkur, und er mußte sich vom vatikanischen Osservatore Romano maßregeln lassen: „Das geht zu weit!“

Doch andere Katholiken gingen jüngst noch viel weiter. Reinhard Raffalt, Deutsch-Römer aus Passau, widmete mit frommem Schauer fast ein ganzes Buch der Enthüllung, daß für den Papst „der Kommunismus eine Hoffnung“ sei (siehe ZEIT Nr. 50/73). Der Vatikan ließ verlauten, dies sei „reine Erfindung“, aber die Frankfurter Allgemeine schüttelte ihren klugen Kopf und sorgte sich, wohin wohl die Welt käme, wenn sogar der Papst „Gott ausspare“. Der römische FAZ-Korrespondent entdeckte nun erst den „christlich-marxistischen Traum“ Pauls VI. und befand: „In der Diplomatie sieht er das eigentliche Apostolat.“

All das ließe sich ebenso leichten Sinnes mit der Bekanntmachung abtun, daß der Papst noch immer – katholisch und kein Kommunist ist. Doch der Kern der Debatte wiegt schwerer. Nicht von ungefähr wird sie im Umkreis eines Unbehagens geführt, das besonders in der Bundesrepublik Deutschland „Ostpolitik“ überhaupt als etwas eher Bedenkliches, allzu Kostspieliges, im Grunde nur den Kommunisten Dienliches betrachtet. Daß alle Bemühung um Ost-West-Entspannung – vor, mit und nach den Bonner Ostverträgen – Teil einer kalkulierten (wenn auch gewiß nicht unfehlbaren) politischen Strategie des ganzen Westens ist, nehmen manche Kritiker der Ostpolitik ungern zur Kenntnis. Es geht auch in der Tat weit über den Horizont eines rheinisch oder bajuwarisch getönten Provinzkatholizismus.

Die Zentrale einer Weltkirche, die sich so universal versteht wie die römische, hatte da immer schon einen weiteren Blick als mancher ihrer Gläubigen, Ketzer, wirklichen und sonderbaren Heiligen. Seine Diplomatie kann der Vatikan seit dem Ende des Kirchenstaates vor hundert Jahren – schon mangels aller äußeren Machtmittel – nur noch als Instrument geistlich-pastoraler Ziele benutzen (denn selbst die „Macht über die Seelen“ hat sich in einem religiös eher skeptischen Jahrhundert als stumpfe Waffe erwiesen, wenn Autorität nicht überzeugt).