ZDF, Donnerstag, 14. März: "Runter vom Treppchen. Über den Niedergang des Leistungssports in der Bundesrepublik"

Nation in Not! Recht hatte da das ZDF, als es kurzfristig sein Abendprogramm änderte, einen eher beschaulichen Beitrag ("Sport im Fernsehen: zuwenig, zuviel, zu spät, zu teuer?") dem Gebot der Aktualität opferte. Was war geschehen? Nein, kein Todesfall, keine Staats- und keine Ölkrise zwang zur raschen Reaktion, aber doch ein Thema von ähnlich dramatischem Zuschnitt: der Niedergang des deutschen Leistungssports.

Deutsche Handballer verloren gegen Dänemark. Der deutsche Paarlauf hat (ade Hans-Jürgen, ade Marika!) seine Weltgeltung verloren. Der deutsche Achter ("Gold-Achter" nannten wir ihn früher zärtlich) wird nur noch Siebter. Zu viele Hiobsbotschaften. Recht hatte da das ZDF, als es sechs dem Sport verbundene Menschen zur Notstandsdiskussion ins Studio bat.

Nur ein Gast hatte den Ernst der Stunde nicht erkannt: Horst Vetten heißt er, ist Sportjournalist und trotzdem ein Intellektueller. Die Lage des Leistungssports in der Bundesrepublik, witzelte er, sei "aussichtslos, aber nicht ernst". Und er verhöhnte, mit ganz unangemessener Fröhlichkeit, jene drei Männer, die am Tische gegenüber saßen, deren Gesichter von der Sorge um den deutschen Sport gezeichnet waren.

Drei Funktionäre der Leibesübungen. Wilhelm Kregel, Präsident des Deutschen Sportbundes, ein Lübke des Leistungssports, bewahrte noch am meisten Haltung – schließlich, meinte er versöhnlich, habe es doch auch sehr schöne Erfolge in diesem Jahr gegeben, Gerti Schanderls vierter Platz zum Beispiel... Sein Nachbar zur Linken, Handballpräsident Thiele, sah schon erheblich düsterer drein; er könne immer noch nicht begreifen, wie das gegen Dänemark passieren konnte. Und trauervoll deutete der Präsident sogar die Möglichkeit seiner Abdankung an.

Nur Kregels Nachbar zur Rechten, Sportkamerad Meyer vom "Bundesausschuß zur Förderung des Leistungssports", zeigte noch Kampfesmut. Er als erster nannte das Trauma beim Namen: DDR. Drüben, hinter der Mauer, da hat es ein Sportsmann besser als bei uns; da wird Leistung noch gefordert und gefördert. Meyer wußte auch ein schockierendes Beispiel zu erzählen: in Ostberliner Eissporthallen darf sich das eislaufende Volk nur eine Stunde am Tag vergnügen, vierzehn Stunden gehören die Hallen den Leistungskadern. Bei uns sei es genau umgekehrt, und auch das sei eine Ursache für den "Niedergang".

Ach, unsere Sport-Verweser – da stehen sie mit beiden Beinen fest auf dem Boden unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, doch ihre Zungen verraten seltsame Sehnsüchte: nach jenem anderen deutschen Staat, der sich anschickt, die "Weltmacht des Sports" zu werden. Sehnsucht nach dem DDR-Sozialismus? Kaum. Aber doch eine kaum verhohlene Bewunderung für die DDR-Disziplin, für ein Gemeinwesen, in dem das eislaufende, am Sport sich bloß amüsierende Volk weniger, die Sport-Verwalter mehr Macht haben. Auch wenn sie es nicht wissen oder nicht nach einem Staat der Funktionäre.

Vierzehn zu eins oder eins zu vierzehn: sollte das wirklich die Alternative sein, sollten wir mit der Weltmacht DDR nur konkurrieren können, wenn wir den letzten Rest Spaß und Volksbelustigung aus dem Sport vertreiben, wenn wir unsere Eishallen und Schwimmbäder zusperren müssen, damit dort "Leistung" stattfinden kann – wenn das so ist, dann sollten wir den Niedergang des Leistungssports mit Gleichmut ertragen. Und weiter Verlieren, gerne und fröhlich. Benjamin Henrichs