Von Ernst Klee

Woche für Woche hat Helga Einsele, Leiterin der Hessischen Frauenstrafanstalt in Frankfurt, etwa zehn Kontakt- und Heiratsangebote auf dem Anstaltsschreibtisch. Die Bewerber meinen, einen Heirats- und Versorgungsmarkt erschlossen zu haben: die Frauenstrafanstalt. Wartet da nicht in bald jeder Zelle eine einsame Inhaftierte auf den Mann, dessen Liebe Mauern übersteigt, der statt Isolation Geborgenheit und statt einer schuldhaften Vergangenheit die Zukunft zu zweit beschert?

Soweit die Freier es nicht vorziehen, anonym zu werben, wandeln da vor allem Witwer, Alleinstehende mit Kindern oder Männer mit einer gebrechlichen Mutter, die zu versorgen ist, auf Freiersfüßen. Kurzum, es sind Hochzeitskandidaten, die im Leben zu kurz gekommen sind und dieses Schicksal mit einer Gefährtin zu teilen gedenken: "Da sind sicher einsame Frauen, denen will ich etwas Glück bieten."

Die Phantasie entzündet sich dabei an Leitbildern, die nach dem Schnittmuster des Groschenromans modelliert sind: Blond, blauäugig, anständig sollen die Gesuchten sein. Nach der Straftat fragen die Freier kaum, zum Teil aus Angst, zum Teil, um Vertrauen zu beweisen.

Die Möglichkeiten von Strafgefangenen allgemein, einen Partner "draußen" zu finden, sind weitgehend begrenzt auf die Kontakt- und Heiratsanzeigen von Zeitungen. Aber auch Kumpels bahnen über Bekannte Kontakte an. Während sich die inhaftierten Männer mehr auf Anzeigen verlegen, lernen die inhaftierten Frauen schon eher mal einen Mann auf dem Anstaltsgelände kennen. Denn ins Frauengefängnis kommen zur Arbeit (etwa zum Abholen der gewaschenen Wäsche) auch männliche Gefangene. Man verständigt sich per Blickkontakt, es kommt auch mal zum Gespräch, man schreibt sich, schickt sich Kassiber, läßt über Dritte Grüße bestellen. Auch (oder gerade?) Gefangene, die sich oft rüde darstellen (um eigene Minderwertigkeitsgefühle zu überspielen), sorgen dabei fürsorglich für die Erwählte. Sie knapsen von ihrem Hungerlohn noch etwas ab, um der Umworbenen heimlich etwas zustecken zu können: Zigaretten, Schokolade, Obst, Geld.

Kommt es tatsächlich zu einer Eheschließung hinter Gittern, so lassen sich – aus der Perspektive der Frauenanstalt – verschiedene Motive aufschlüsseln:

  • Da will eine Gefangene den Mann, mit dem sie vorher zusammenlebte, an sich binden. Zu groß und berechtigt ist ihre Angst, er könnte "einen Satz machen", die Trennung nicht durchhalten. Heirat heißt hier: "Er hält zu mir." Er bewährt sich.
  • Da heiratet die inhaftierte Braut nur vierzehn Tage vor der Entlassung in der Anstalt. Die Anstalt regelt für sie den Formularkram. Die Behördenangst ist die Anstifterin der Gefängnistrauung.
  • Da möchte die Strafverfolgte das bisherige ungeordnete Leben mit einer symbolhaften Handlung ordnen.
  • Da sucht die im Knast Vermählte im Ehepartner einen Lotsen, der sie durch die Beschwernisse einer Entlassung steuert, der sich um alles kümmert, Wege ebnet, kurz: die große Ich-Entlastung: "Ich hab’ ja einen Mann."