Von Horst Bieber

Dilettantisch und aussichtslos – nicht anders läßt sich der Versuch von etwa 200 Offizieren, langdienenden Unteroffizieren und Mannschaften des fünften Infanterie-Regiments der Garnison Caldas da Rainha beschreiben, in den früheren Morgenstunden des Samstag nach Lissabon zu marschieren, um den portugiesischen Staatspräsidenten Thomaz festzusetzen. Noch außerhalb der Hauptstadt wurden sie von regierungstreuen Truppen umzingelt, denen sie sich schließlich kampflos ergaben. Die Verschwörer hatten sich am Freitag per Telephon verständigt, und die Politische Polizei, gewarnt durch Unruhen, Befehlsverweigerungen und Proteste gegen die Entlassung des Generalstabschefs und seines Stellvertreters, hatte selbstverständlich alle Gespräche abgehört.

Thomaz wurde in aller Eile in eine Festung geschafft; die Bewachung aller wichtigen Regierungsgebäude war verstärkt worden. Am Sonntag war die Regierung überall wieder Herr der Lage. Über tausend Soldaten wurden strafversetzt, verhaftet oder unter Hausarrest gestellt. Äußerlich herrschte in Portugal zu Wochenbeginn wieder Ruhe, war die größte Krise des 40 Jahre alten Regimes beigelegt. Die Diskussion freilich geht weiter.

Begonnen hatte die Krise am 22. Februar, als der stellvertretende Generalstabschef Antonio de Spinola ein Buch mit dem Titel „Portugal und die Zukunft“ veröffentlichte, in dem er rücksichtslos Tabus zerstörte und drei provozierende Thesen aufstellte: 1. Der Krieg in Afrika ist militärisch nicht zu gewinnen. 2. Die einzige Chance, den afrikanischen Besitz zu behalten, besteht darin, diesen Gebieten mehr Selbständigkeit einzuräumen. 3. Alle Behauptungen von der lusitanischen Mission, der friedenstiftenden Aufgabe und der Verteidigung der westlichen Kultur gegen den Bolschewismus sind Mythen, die wirtschaftliche und egoistische Interessen einer Minderheit verkleistern: „Wir erschöpfen uns in einem Krieg, der nicht zu gewinnen ist. Wir verteidigen die falschen Fundamente der Nation ... Wir können nicht hinnehmen, daß heute viele Portugiesen nur sterben, damit morgen noch mehr sterben... In diesem Krieg kämpfen wir für Ideale, die weder moralisch sind noch dem Volke nützen.“

Binnen weniger Tage war der Bestseller (50 000 Startauflage) vergriffen. Und während die jüngeren aktiven Offiziere begeistert zustimmten, formierte sich die Ultrarechte um Staatspräsident Thomaz zum Angriff auf Ministerpräsident Caetano, dem sie nicht nur – zu Recht – die Zustimmung zum Druck unterstellte, sondern dessen frühere und seit kurzem vorsichtig aufgewärmte Ideen sie in dem Buch wiedererkannte.

Caetano versuchte sich in feingesponnener Taktik. Er drohte Thomaz mit dem Rücktritt. Am 5. März stellte sich der Ministerpräsident der empörten Nationalversammlung. Zwar erhielt er nach markigen Bekenntnissen zu Afrika das gewünschte Vertrauensvotum, aber sein Versuch, Spinola zu attackieren und gleichzeitig so viel wie möglich von seinen Schlüssen zu verteidigen, schlug fehl.

Am Dienstag voriger Woche rückten bei einer Kabinetts-Umbildung drei Alt-Salazaristen nach. Die Rechte schoß sich auf die Minister und Spinolafreunde Veiga Simâo (Erziehung) und Rebelo de Souza (Überseegebiete) ein. Am Donnerstag inszenierte Caetano, um sich selbst zu retten, eine Vertrauenskundgebung höherer Offiziere, der Spinola und sein Vorgesetzter, General Costa a Gomez, fernblieben.