Titel und Ehre, Erfolge und Selbstbestätigung zählen in der DDR noch etwas. So eignen sich auch internationale Sportveranstaltungen hervorragend als Plattform in den Repräsentationsbemühungen der Ostberliner Führung. Die VIII. Hallenhandball-Weltmeisterschaft 1974 in elf Städten des mitteldeutschen Raumes diente der DDR-Sportführung erneut als „Anerkennung der sozialistischen Sportorganisationen unseres Landes“, wie Oberbürgermeister Müller bei der Eröffnungszeremonie in Karl-Marx-Stadt formulierte. Zur Begrüßung fehlte „Auferstanden aus Ruinen“ ebensowenig wie der Beweis, daß die Deutschen immer noch die besten Marschierer sind. Drei Halbwüchsige führten als Fahnenträger beim Auszug der Mannschaften immerhin einen beachtlichen Mini-Stechschritt vor. Vieles ist sicherlich Geschmackssache, die DDR führte allerdings nach der III. Weltmeisterschaft 1958 erneut ein Hallenhandball-Weltturnier durch. Im 25. Jahr der Proklamierung des SED-Staates stellt jeder bedeutsame Sporterfolg ein Lorbeerblatt im selbstgefertigten Ehrenkranz der Staatslenker in Ostberlin dar.

Aus der scheinbar nie abreißenden Produktion der Propaganda-Sprüchemacher paßte auch diese Wortschöpfung recht gut in das Organisationsbild des WM-Turniers zwischen Schwerin und Erfurt: „Mit neuen Erfolgen dem 25. Jahrestag der DDR entgegen.“ Auch in der Chorgemeinschaft der Schweriner Oberschüler hatte man sich ganz auf Erfolg eingestellt. Im Singsang gefaßt jubilierte man dort: „Ein frohes Lied auf unsere DDR, Hurra!“

Doch nicht immer vermag man der DDR-Sportbevölkerung absolutes Wohlverhalten aufdrängen. Beim Spiel DDR–UdSSR in der Ostberliner Werner-Seelenbinder-Halle mußten selbst Ordnungschef und Sicherheitsminister Erich Mielke und DTSB-Präsident Manfred Ewald heftige Unmutsäußerungen in Form von Pfiffen und Buhrufen gegen die „Freunde und großen Brüder“ registrieren. An polit-taktische Ergebenheitsthesen wie „Mit der Sowjetunion verbündet – mit der Zukunft verbunden oder Freundschaft mit der UdSSR ist der Herzschlag unseres Lebens“, die die sogenannten Werktätigen am nächsten Morgen wieder, an ihren Werkstoren fanden, erinnerten sich die Deutschen beim 15:15 gegen die UdSSR aus verständlichen Gründen nicht. Da es in der DDR keine Sporthalle gibt, die mehr als 5000 Zuschauer faßt, läßt sich die Stimmung in einer 8000 oder 10 000 Plätze großen Halle bei Spielen gegen die UdSSR (15:15) oder gegen Jugoslawien (19:17) überhaupt nicht nachzeichnen. Deprimiert meinte Jugoslawiens Trainer Milkovic: „Anderswo hätten wir vielleicht gewonnen“. Das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ ergänzte den Jugoslawen. „Er spielte damit auf die Unterstützung der Zuschauer für die DDR-Mannschaft an, und tatsächlich verdiente sich dieses Publikum ein Lob, weil es gerade in den unbestritten kritischen Phasen noch einige Phon zulegte und damit die DDR-Mannschaft wieder nach vorn trieb“, umschrieb das „Recht und Ordnung-Blatt“ der DDR die teilweise chaotischen Zustände im Begeisterungstaumel.

Ideologische Pluspunkte hatten die Ostberliner Funktionäre schon seit Oktober 1973 gesammelt. Um den „Deutschland-Begriff“ aus dem Vokabular der Hallenhandball-Weltmeisterschaft zu verbannen, wurde eigenmächtig die Bezeichnung des Deutschen Handballbundes in „DHB der BRD“ geändert, die Mannschaft aus dem Westen Deutschlands nicht – wie bei der Internationalen Handballföderation (IHF) eingetragen mit BR Deutschland, sondern geringschätzig mit „BRD“ bezeichnet. Der Ostberliner Organisationsleiter Horst Mühle hatte keine Bedenken. Das Programm sei dem DHB und dem Internationalen Verband schon seit Oktober bekannt gewesen. Außerdem habe DHB-Generalsekretär Birkefeld alles prüfen können. „Widerspruch hat es nicht gegeben“, vermerkte Mühle beiläufig. Zumindest im Fall des DHB-Generalsekretärs hat er recht. Hinzu kommt aber, daß der Generalsekretär und der Geschäftsführer der IHF beide aus der Bundesrepublik Deutschland sind. IHF-Generalsekretär Max Rinkenburger widerspricht Mühle: „Ich habe das Programm erstmals zu Beginn der WM in Ostberlin gesehen. In Zukunft werden wir auf solche Dinge besser achten.“ Besserung ist allerdings auch im Telefon- und Fernschreibverkehr zwischen den beiden deutschen Staaten eine dringende Notwendigkeit bei großen Veranstaltungen. Bei Verbindungen zwischen der Ostberliner Seelenbinder-Halle und dem westlichen Deutschland war die Mauer offenbar nicht zu überwinden.

Diese deutsch-deutschen Ärgernisse können sicherlich nicht den insgesamt positiven Eindruck trüben, den sich die DDR-Sportführung mit diesem Weltmeisterschaftsturnier erdiente. Unter diesem Gesichtspunkt ist es kaum verständlich, daß Ostberlin immer noch glaubt, den westlichen Journalisten nur kommunistische Zeitungen wie Neues Deutschland, Prawda, Trybuna Ludu, L’Humanitê oder Morning Star zubilligen zu können. Trost spenden bei längeren Aufenthalten in der DDR nur die unliebsamen Westsender. Letztlich geht aber auch im DDR-Sport alles seinen „geregelten sozialistischen Gang“, wie es in einem ironisch gängigen SED-Slogan so treffend heißt. Ein Gesetz der Thälmann-Pioniere (Wir Thälmann-Pioniere halten unseren Körper sauber und gesund, treiben regelmäßig Sport und sind fröhlich) hätte sich nicht schlecht als Leitmotiv für die Ausrichtung der VIII. Hallenhandball-Weltmeisterschaft geeignet. Und da es vom Handball zum Fußball und damit zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974 zwischen München und Berlin nicht weit ist, stellt der jetzt in Ostberlin angelaufene DEFA-Film „Leben mit Uwe“ eine beziehungsreiche Verbindung zwischen der Handball-WM und der Fußball-WM in Deutschland dar.

Ernst Dieter Schmickler