Lieber Herr Böll,

mein Alter verbietet mir, Ihnen meine Verehrung auszudrücken; lassen Sie mich dieses Wort durch "Respekt" ersetzen. Keinem lebenden Schriftsteller verdanke ich so viel wie Ihnen. Zu bewundern war, wie differenziert und präzise, wie human und gesetzestreu zugleich Sie sich etwa über die Dissidenten in der Sowjetunion, den Prager Frühling oder die Baader-Meinhof-Leute ausdrückten. Sie brauchen Ihre Fähigkeiten in politicis nicht unter den Scheffel zu stellen.

Nun lese ich, daß Sie mich in Ihrer Rede vor der SPD-Fraktion des Bundestages ein "Raubtier" genannt haben, ein "frei herumlaufendes" dazu. Zuerst habe ich mir gesagt: "Der meint dich nicht." Aber Sie meinen natürlich die Unternehmer. Als Verleger bin ich einer; und meine Erfahrung erlaubt mir nicht, mich von meinen Kollegen zu distanzieren.

Nun lassen Sie doch "Herrn Erhard" in Gottes Namen in Springer-Zeitungen vor sich hinreden. Kann man bestreiten, daß er ein System geschaffen hat, das in kürzester Zeit und (verglichen mit irgendeinem anderen Land) mit den geringsten sozialen Unterschieden unsere Gesellschaft aus dem Elend zum Wohlstand brachte?

Man möge sich fragen (sagten Sie der SPD), "was vom Tage der Währungsreform an aus den ersparten 100 Mark eines Arbeitnehmers geworden, die auf sieben Mark schrumpften, und was aus den 100 Mark Aktien eines Aktionärs geworden ist, die keiner Schrumpfung unterlagen." Also: die Aktionäre, diese Raubtiere, haben bei der Währungsreform bekommen, was man den Sparern genommen hat.

Richtig ist: für 100 Reichsmark Sparguthaben gab es nach der Währungsreform nur 7 DM. Aber: die wichtigste Ersparnis des Beamten ist nicht ein Sparguthaben, sondern seine Pension; die wichtigste Ersparnis des Arbeitnehmers ist die Sozialversicherung. Beide wurden vom Tage der Währungsreform an voll bezahlt. Wenn man fragt, was ein Arbeitnehmer besitzt, wird der Vermögenswert der Rente leider oft vergessen. Dabei kann sie – je nach der Höhe des Verdienstes – heute am Ende des Arbeitslebens oft 100 000 Mark betragen, sogar bis 150 000 Mark steigen.

Nur die 100 Mark, die der Arbeitnehmer außer der Rente "auf der Kasse" hatte, wurden auf sieben Mark abgewertet. Aber Sie wissen natürlich nicht mehr, daß noch ein Jahr nach der Währungsreform viele Aktien, die vorher 100 Reichsmark gekostet hatten, nicht einmal jene 7 DM wert waren. 100-Mark-Aktien der Deutschen Bank, die 117 Reichsmark gekostet hatten, waren noch Mitte 1949 für 5,50 DM zu haben. 100-Mark-Aktien der AEG, die III RM gekostet hatten, kosteten 9,00 DM. Wenige gute Aktien waren "nur" auf ein Viertel gesunken, die meistein auf knapp zehn Prozent. Mancher Selbständige, der für seine Altersversorgung Aktien gekauft hatte, sah sich fast als Totalgeschädigter. So ging die Bitternis quer durch alle Stände. Wo waren da die Raubtiere?