Von Karl-Heinz Janßen

Es ist nie zu spät, das Gute zu tun. Es ist nicht zu spät dafür, daß Europa mit einer Stimme spricht. Und wenn die ‚Neun‘ es nicht können, dann sollten es weniger als neun tun, notfalls und für den Anfang nur zwei.“ Gutgemeinte, mahnende, besorgte Worte, gerichtet an die Adresse der Bonner Westpolitiker, niedergeschrieben vor mehr als zwei Monaten, aber dieser Tage erst veröffentlicht, womit bereits das Nötige gesagt ist über die Wirkung eines politischen Publizisten, den Bonner Hof Journalisten vorwitzig unter die Berater des Kanzlers eingereiht hatten, obschon er ganze sechsmal mit Willy Brandt gesprochen hatte, zuletzt vor zwei Jahren.

Golo Mann, von ihm ist die Rede, denkt selber nicht allzu hoch von dem selbsterwählten publizistischen Beruf, den er neben dem des Historikers seit etwa vier Jahrzehnten ausübt. „Sie schreiben – man liest sie nicht; sie schreien – man hört sie nicht“ – diese resignierte Erkenntnis des Dichters Georg Büchner ließe sich auch auf den Büchner-Preisträger anwenden. Diesem wie jenem ist sie früh gekommen. Als er noch nicht dreißig Jahre alt war, beklagte Golo Mann in der Emigration das Unvermögen der Intellektuellen, die Völker der westlichen Demokratien beizeiten zum Widerstand gegen das nationalsozialistische Unheil aufzurütteln. Doch in jenem Aufsatz, der 1938 in der von ihm redigierten, von seinem Vater Thomas Mann herausgegebenen Zeitschrift Maß und Wert erschien, findet sich auch der Satz: „Der denkende Mensch ist so beschaffen, daß er mit seinem Denken nützen will.“

Er will es noch immer – als Essayist in Presse, Funk und Fernsehen, als Herausgeber der Neuen Rundschau, neuerdings auch als Partner in der Fernsehreihe Dialog, die Günter Gaus’ berühmte Porträt-Sendung ersetzen soll. Sein Name ist manchen nicht zu schade, ihn für das zu mißbrauchen, was schon sein Onkel Heinrich Mann gewesen ist: ein Festtagsredner der Republik. Aber von der Art ist wohl der Preis, den ein historisch-politischer „Volksschriftsteller“ zahlen muß.

In den fünfziger und sechziger Jahren wurde der Name Golo Mann in der Bundesrepublik zum Markenartikel. Sie haben sich ihm in der (mit Ironie gewürzten) Erinnerung zu den „goldenen“ Jahren verklärt. Das politische Dasein in den Jahren, die er durchschritten hat, bestand zumeist aus „Kämpfen ohne Waffenstillstände“, doch jene Zeit erscheint ihm heute „als der einzige Waffenstillstand, den ich je erfahren habe“. War dies nicht der Staat, den er im stillen während der harten Jahre drüben in Amerika erträumt hatte: ein neues Deutschland, losgelöst von verhängnisvollen Traditionen, eine demokratische, wohlhabende, offene Gesellschaft, ein friedliebender Staat, geachtet unter den Völkern? Seit die Neuen Linken an den Universitäten weitgehend das Feld beherrschen und auch in der Sozialdemokratie an Boden gewonnen haben, fühlt er sich hierzulande nicht mehr so wohl. Wen wundert es, daß die Revolutionäre seinesgleichen mit dem ganzen „System“ zum alten Eisen werfen wollen? Schon vor sechs Jahren hat ein Hamburger Germanist und Historiker, mit dem unbekümmerten Schneid seiner jungen Jahre, über Golo Mann den Stab gebrochen: „Sein Erfolg stellt den gröbsten Vorwurf dar, der gegen die deutschen Zustände erhoben werden kann.“

Was die jungen Systemveränderer, aber auch ihre literarischen Adepten am meisten stört und ärgert, ist seine „Schönschreiberei“. Golo Mann vermerkt es traurig, wenngleich mit ungebrochenem Trotz: „Stil gilt als aristokratisch, bildungsbürgerlich. Man will nicht mehr erzählen. Es kommt nur noch auf die Sache an, ja, sie eignet sich nicht mehr für Stil.“

Bekümmert sieht er, wie dieser Zeitgeist des Progressiven um sich greift, der alle Lebensformen, alle Wissenschaft nur noch an ihrem Nützlichkeitswert mißt (und nützlich ist, was der Emanzipation dient), diese totale Verachtung für Bildung, für Rangunterschiede, für Überlieferungen. Dagegen stemmt er sich mit aller Leidenschaft, deren er fähig ist, und die ihn von Zeit zu Zeit aus seinem Refugium am Zürcher Kilchberg in die Niederungen der westdeutschen Tagespolitik hineintreibt.