Von Ulrich Kaiser

Sie ist in jenem Alter, wo man nicht genau weiß – soll man noch „duzen“ oder schon „siezen“. Ein kräftiges Sportmädel mit Po und Busen, langen braunen Haaren, lustigen Augen, der Mund ist ein bißchen groß, die Nase ein bißchen stark. Als sie „Grüß Gott“ sagt, macht sie einen braven Knicks, was auf Schlittschuhen im Moment überraschend wirkt. Ein wenig kokett – ein wenig schnippisch. Mädchen mit siebzehn sind wohl so. Gerti Schanderl ist siebzehn.

Bei den Weltmeisterschaften in München wurde sie Vierte. Nach dem enttäuschenden elften Rang in der Pflicht übersprang sie noch sieben Konkurrentinnen. „Übersprang“ ist in diesem Fall sehr wörtlich zu nehmen: Wenn sie springt, dann scheint sie ein Stück Eis aus dem kalten Parkett zu fetzen, wenn die Landung gelingt, freut sie sich so, daß man es sieht. Vor Beginn der Unterrichtsstunde benutzt sie die Bande der Eishalle wie die Stange eines Ballettsaals. Ballett in früheren Jahren würde die Preisrichter heute wahrscheinlich zu höheren Noten inspirieren. Frau Brüning, die Trainerin, sagt: „Sie ist eine sportliche Läuferin. Wenn ich sie heute in Flitter stecke und sie all den tänzerischen Kram machen lasse, würde sie nur verlieren!“

Das Mädchen in dem blauen Trainingsanzug nickt dazu, legt eine O’Sullivan-Platte auf und probt. Sie dreht eine irrsinnige Pirouette, immer schneller und schneller wie ein überdimensionaler menschlicher Bohrer – dann plötzlich Stopp: Die Hände gewollt graziös nach oben gereckt, sie macht einen Majestäts-Knicks, strahlt, als ob ihr zigtausend zujubeln. Die Halle ist grau, leer, trist, kalt – alle leeren Hallen sehen so aus. Sie schneuzt sich kräftig. Alle Eiskunstläufer haben Schnupfen.

Bei irgendeinem verrückten Sprung – man erkennt nicht, war er zwei- oder dreifach – knallt sie aufs Eis, daß es selbst dem Betrachter wehtut. Auf dem Hintern trudelt sie die übriggebliebene Fliehkraft aus, haut mit der Faust aufs Eis, steht langsam auf. Wütend-weinerlich, nicht weinend, klagt sie: Blaue Flecken habe ich, Da und da und da!“ Sie zeigt mit ihren Bubenfingern auf den Allerwertesten, auf den Oberschenkel, auf das Knie, auf die Wade. „Alles ganz blau“, und zur Bekräftigung schickt sie „So’n Scheiß!“ hinterher. Das beschwichtigende „Pschscht“ der Trainerin überhört sie. Sie will, daß man sieht, sie ist wütend – grabscht nach dem Schlüssel, stellt den Plattenspieler ab, daß die Nadel kratzt, poltert auf den Schlittschuhen davon: „Ich geh’ mich einreiben, damit’s nicht noch blauer wird!“

Morgens zwei Stunden Pflicht, Mittags zwei Stunden Kür, nachmittags wieder Pflicht, abends noch einmal Kür. Am Abend sind zwei Dutzend weiterer Kunstlauf-Eleven auf dem Eis. Manchmal muß sie zehn oder zwölfmal anlaufen, bis es zu einem Sprung kommt, weil sie sonst jemand anders umrennen würde. Am Eingang zur Halle hängt ein großes Schild an der Wand mit der Eislaufordnung: „Jeder Eisläufer hat sich so zu verhalten, daß er andere nicht gefährdet oder belästigt.“

Sie ist bei den Englischen Fräulein in München-Pasing mit dem Zeugnis der mittleren Reife abgegangen. Jetzt will sie nur noch eislaufen. Wenn sie morgens aus dem Haus geht, nimmt sie in einem „Henkelmann“ das Mittagessen mit. In der Zeit zwischen den Trainingsstunden sitzt sie mit anderen Mädchen in einem der Umkleideräume in den Katakomben der Eishalle. Weißgekalkte Wände, kalte Neonröhren an der Decke, Heizungsrohre, rote Bänke an den Wänden mit Kleiderhaken. Zwei kleine Tische hat man reinstellen lassen mit Stühlen, damit die anderen Schularbeiten machen können. Wenn man so will: Das ist das Wohnzimmer der deutschen Eiskunstlaufmeisterin. „Wir wollen uns nicht beklagen. Es geht uns besser als vielen anderen. Mit den Läufern aus der DDR und den Russen können wir uns sowieso nicht vergleichen. Da richtet sich die Schule nach dem Training, die bekommen Hallen und jede Art der Unterstützung. Wir machen das Beste aus dem, was wir haben. Obgleich ich meine, daß es bei uns genauso viel Talente gibt wie anderswo. Wenn wir nicht so gut abschneiden, dann liegt das nur an den Möglichkeiten!“ Die Trainerin vergleicht sich mit einem Goldgräber: „Alle paar Jahre bleibt einmal ein Goldklümpchen hängen!“ Gerti Schanden ist ein solcher Fund. „Aber nächstes Jahr müssen wir den Dreifachen schaffen. Sonst kann man überhaupt nicht mehr mitreden!“