Vor knapp einem Jahr verkündete der amerikanische Präsident mit großen Worten das „Jahr Europas“. Sehr zufrieden mit den Europäern scheint er allerdings nicht zu sein. In Chicago, bei einem Treffen mit Wirtschaftlern, kritisierte er jüngst mit scharfen Worten die Haltung der Europäer in gemeinsam interessierenden Fragen. Der Eklat kam nicht überraschend. Zwischen Brüssel und Washington kriselt es spätestens seit Ausbruch der Nahost-Krise.

Die europäisch-amerikanische Verstimmung während des Yom-Kippur-Krieges galt seit der Brüsseler Wintertagung des Nato-Rats Anfang Dezember als beigelegt. Die Partner, der USA hatten der Regierung in Washington vorgeworfen, nicht ausreichend über die amerikanischen Absichten und Aktionen im Nahen Osten informiert worden zu sein. Umgekehrt hatten die USA ihren Verbündeten mangelnde Bündnistreue vorgehalten. Beide Seiten gelobten Besserung.

Jedoch schon einen Tag danach vergaß US-Außenminister Kissinger beim „Pilgrim’s Dinner“ in London sein Versprechen. Ohne die verbündeten Außenminister, mit denen er in Brüssel gesprochen hatte, auch nur andeutungsweise zu informieren, trat er mit seinem Vorschlag nach umfassender Kooperation zur Überwindung der Energiekrise an die Öffentlichkeit und regte eine Konferenz der Erzeuger- und Verbraucherstaaten von Erdöl binnen der nächsten drei Monate an.

Europäern, die über den plötzlichen Vorschlag Kissingers erstaunt waren, hielten US-Diplomaien entgegen, der US-Außenminister habe einer europäischen Initiative zu einem Flirt mit den Arabern im Alleinging zuvorkommen wollen. Tatsächlich hatte sich mittlerweile bis zum amerikanischen Außenminister das Gerücht herumgesprochen, Frankreich wolle seine Partner auf der Gipfelkonferenz von Kopenhagen am 14. 12. 1973 zu einer Konferenz mit den Arabern drängen.

Frankreich konnte sich, zwar unterstützt von London, mit seiner Absicht in Kopenhagen nicht durchsetzen. Auf die alternative Fragestellung Zusammenarbeit mit den USA oder europäischer Alleingang antworteten die Regierungschefs noch mit einem ‚Sowohl als auch“: Sie bekannten sich zu Verhandlungen mit den Förderländern über eine Gesamtregelung, hielten aber auch die Zusammenarbeit mit den Verbraucherländern im Rahmen der OECD für nützlich. Anfang Januar luden die USA ihre wichtigsten Partner zur Energiekonferenz nach Washington ein, überstürzt, wie viele Europäer meinten. Es bedurfte erst einer geharnischten Stellungnahme, ehe Washington begriff, daß die EG neun Mitglieder hat und auch Luxemburg dazugehört. Der von Europäern bis dahin aufgesparte Krach über die Marschrichtung der Gemeinschaft brach dann in Washington am 11. Februar offen aus. Frankreich widersprach der Zusammenarbeit mit den USA.

Auf der Rückkehr von seiner vierten Nahost-Reise machte Kissinger in Bonn und Brüssel Station, um den amtierenden Präsidenten des EG-Ministerrats, Scheel, und den ständigen Nato-Rat zu informieren. Am 4. März beschlossen die Außenminister der EG, den arabischen Ländern wirtschaftliche und kulturelle Kooperation anzubieten. Kissinger, der vor diesem Beschluß gewarnt hatte, weil er darin eine Störung seiner Friedensmission sah, sei „schier geplatzt vor Ärger“ – so einer seiner Mitarbeiter –, als Scheel ihm die Entscheidung mitteilte. Die Nixon-Rede ist der vorläufige Höhepunkt der Verstimmung. hhb