Lorenz Tschudi: „Rätedemokratie und Marxismus. Kritische Grundlegung der Idee der direkten Rätedemokratie im Marxismus“; edition etcetera, Basel 1973; 140 S.; 13,– DM.

Als Bertrand Russell 1920 die Eindrücke seiner Rußlandreise zusammenfaßte, kam er zu dem Ergebnis, man müsse sich mit dem Problem auseinandersetzen, wie sich die Gewaltanwendung im Übergangsstadium verringern ließen. Nur dann sei es möglich, more or less friedlich zum Kommunismus zu kommen, wenn es gelinge, im Übergang die Volkswirtschaft in keiner Weise lahmzulegen, auch nicht vorübergehend. In Marxscher Terminologie heißt das: die von der bürgerlichen Epoche höchstentwickelten Produktivkräfte zu erhalten.

Diese hohe Entwicklung ist auch die Voraussetzung der Rätetheorie, die aus Marx und Engels mehr geschlossen als von den beiden Erzvätern selbst entwickelt worden ist. Der Verfasser der vorliegenden Studie, einer Fleißarbeit, geht bis zu den Quellen des sozialistischen Humanismus zurück, wie sie in den Schriften von Marx und Engels als Aufhebung der Entfremdung und Selbstverwirklichung des Menschen gefaßt sind. Der Arbeiterrat erscheint als Ausdruck des proletarischen Klassenbewußtseins und der Emanzipation vom Bürgerlichen. Dem liegt der liberale Menschenrechtsgedanke zugrunde. Aus ihm erwächst die Lehre, in der nachzuweisen versucht wird,

„1. daß eine Emanzipation des Menschen in allen Sphären des menschlichen Lebens infolge der wirtschaftlichen Entwicklungshöhe nicht nur möglich, sondern geradezu zu einer Notwendigkeit einer jeder weiteren positiven wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung geworden sei;

2. daß der Weg zur Erreichung einer solchen Emanzipation über den Klassenkampf führe;

3. daß in diesem Kampf einer Klasse, nämlich dem Proletariat, die historische Aufgabe zufalle, durch die eigene Emanzipation auch: alle übrigen Sphären der Gesellschaft zu emanzipieren;

4. daß und auf welche Art und Weise die Arbeitsklasse ihre Emanzipation durchführen könne.