Von Horst Krüger

Das waren endlich einmal schöne, beinah beschwingte Lesestunden, Augenblicke heiterer Nachdenklichkeit – wann widerfährt dem Rezensenten in unserer eher verfinsterten Literaturszene so seltenes Leseglück? Immer, meine ich, wenn Rolf Hochhuth sich zur kleineren, intimeren Form entschließt. Wenn er uns nicht Fußnoten, Anmerkungen, Vorworte und Nachworte nebst eingestreuten Dialogen zur Weltgeschichte liefert, sondern Prosa, richtige Dichtung, was man früher eben Novellistik nannte. Man kann dann knöcheltief im Menschlichen waten. Ich liebe das. Es ist so deutsch – ach, unbeschreiblich.

Rolf Hochhuth: „Zwischenspiel in Baden-Baden“; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1974; 160 S., 9,80 DM.

Hier liegt nun aufs neue ein solches Prosastück vor. „Mit wissendem Verständnis und schwebender Leichtigkeit erzählt Rolf Hochhuth von den Irrungen und Wirrungen einer reifen Frau“, so setzt uns der sonst eher auf Klassenkampf eingespielte Rowohlt Verlag feinsinnig ins Bild und fügt nicht ohne betulich-kleinbürgerlichen Augenaufschlag hinzu: „Mit diesem Spiel von Neigung und Bindung ist Rolf Hochhuth ein kleines Meisterwerk von heiter-melancholischer Gelassenheit gelungen.“ Na, bitte, ist das nichts?

Das Werk hält, was es verspricht, schon im Titel. Es ist haargenau so, so zwischenspielig. Übrigens muß es, in grauer Vorzeit sozusagen, schon einmal in Kurzfassung erschienen sein. Der Kürschner verschweigt zwar den Tatbestand. Dem Band ist aber jetzt der Vermerk eingedruckt: „Erstveröffentlichung 1959, für diese Ausgabe, vom Autor erweiterte Fassung“. Was wir inzwischen an diesem erfolgreichsten Dramatiker zu schätzen lernten, ist auch hier schon wundersam stark ausgeprägt: seine von jedem Epochengefühl klassisch entrückte Klarsichtsprache, sein pastoraler Sinn für das menschliche Herz und das Leben überhaupt, sein unerschöpflicher Schatz an zeitkritischen Bemerkungen und Verbesserungsvorschlägen, die er seinen Gestalten so geschmackvoll (und immer im richtigen Augenblick) in den Mund zu legen weiß. Dies ist der komprimierteste, echteste Hochhuth, den ich je las. Wirklich ein kleines Meisterwerk: selten so gelacht.

„Soll ich Fred schreiben? Worauf warte ich noch? – zwischen diesen Zeilen und der vorangegangenen liegt mehr als eine Stunde, die Kinder planschen schon im Bad. Warum zögere ich, da ich doch Freds Geliebte nicht mehr bin – und nur seine Hausfrau nicht sein will?“ Tja, warum zögert sie? Mit solch bohrenden Fragestellungen sind wir kraftvoll und schnell ins Bild gesetzt: Frau Gertrud, Arztgattin aus Düsseldorf, vermutlich schon Anfang Fünfzig, hat sich für zwei Wochen mit ihren zwei Kindern nach Baden-Baden in ein Kurhotel zurückgezogen, um mit sidi und dem rüden Gatten zu Hause moralisch ins Reine zu kommen. Dieser betrog sie nämlich mit seiner Sprechstundenhilfe, die jünger ist, zudem auch noch Renate heißt. Da ist schließlich ein Münchner Rechtsanwalt im Hotel, mit dem sich bei Scheidungsgesprächen, sei es aus süßer Rache oder neuer Herzensneigung, ein zartes Verhältnis anspinnt, platonisch.

Das alles und sehr viel mehr vertraut Frau Gertrud ihrem intimen Journal täglich an. Ich stelle mir vor, wie sie das tut, sozusagen mit wogendem Busen, mal an einem Mahagoni-Sekretär, mal auf dem Nachttischchen kritzelnd und sicher in Sütterlin, spitze gotische Bögen ziehend? Spätherbst in Baden-Baden. Viel Raum und Zeit also für Rückblick und Vorschau und Lebensbilanzen. Wir werden Zeugen eines Seelenkampfes, einer Goetheschen Stirb-und-Werde-Geschichte im Kleinstformat und mit so präzisen Zeitmarkierungen der Entwicklung wie „Café König, halb zehn“ oder „Donnerstag Mittag im Bett“ oder „Nachts, halb drei“. Man sieht es ganz handgreiflich, wie Frau Gertruds Seele weiterreift, wie sie sich läutert und schließlich zurückfindet zum Gatten, resigniert und doch wachsam. „Männer sind ja so“, heißt es einmal trefflich, oder ein andermal, noch treffender: „So ist die Liebe“.